Ein liberaler Parteiloser und eine nationalistische Berufspolitikerin kommen in die französische Stichwahl – und Emmanuel Macron und Marine Le Pen werfen damit alle politischen Traditionen um. Es ist das das erste Mal, dass die Kandidaten der Sozialisten und der Konservativen schon im ersten Durchgang scheitern.

Seit 60 Jahren war immer mindestens eine von beiden Parteien an der Regierung. Wem werden sich diese nun heimatlosen Wählerinnen und Wähler zuwenden?

Die Frage ist komplizierter zu beantworten, als es zunächst erscheint: Die Sozialisten haben ein historisch niedriges Ergebnis erreicht – für eine Partei, die bislang den Präsidenten stellte, François Hollande, eine große Niederlage. Diese Wähler sind also zahlenmäßig eher unbedeutend. Direkt hinter Macron und Le Pen aber haben der konservative François Fillon und der Linke Jean-Luc Mélenchon ungefähr gleich viele Menschen von sich überzeugen können. Diese Wähler werden darüber entscheiden, wer das Duell gewinnt. 

Allerdings haben Mélenchon und Fillon nichts gemein. Deshalb können sich weder Macron noch Le Pen an die Anhänger der beiden unterlegenen Kandidaten gleichzeitig wenden. Mélenchon tritt dafür ein, die Rente mit 62 Jahren zu beginnen, er möchte den Mindestlohn erhöhen, alle Freihandelsverträge kündigen, Europa neu verhandeln und aus der Atomkraft aussteigen. Fillon tritt für eine wirtschaftspolitisch liberale Linie ein, will eine wöchentliche Arbeitszeit von bis zu 48 Stunden erlauben, das Arbeitslosengeld leichter kürzen oder streichen können und die Versorgung mit Atomkraft aufrechterhalten.

Auf den ersten Blick scheint Macron beim Werben um die heimatlosen rechten und linken Wähler im Vorteil zu sein: Er rühmt sich damit, die alten Lager aus links und rechts aufzuheben und "die besten Ideen beider Lager" bei sich vereinen zu wollen. Sein Programm spricht tatsächlich beide an: Arbeitnehmer, die von sich aus kündigen, sollen trotzdem Arbeitslosengeld beziehen können.

Umgekehrt möchte er Arbeitslosen die staatliche Hilfe entziehen, wenn sie zwei Mal zumutbare Jobs ablehnen. Macron ist geübt darin, sich nicht festzulegen und unterschiedlichste Gruppen anzuziehen. Diese politische Gabe wird er nutzen. Auch in seiner Rede am Wahlabend sprach er davon, schwache Menschen und ihre Gesundheit schützen zu wollen – und bezeichnete sich zugleich als "Patrioten", der gegen die "Nationalisten" antreten wolle.

Zeit für Mäßigung

Aber auch Marine Le Pen wird versuchen, weicher und weniger nationalistisch aufzutreten, denn ihre Strategie ist es, den Front National zu entdiabolisieren. Sie würde zum Beispiel nicht den Holocaust leugnen, wie es ihr Vater immer getan hatte. Gegen ihn, Jean Marie Le Pen, bildete sich 2002 eine "republikanische Front", was dem Parteigründer seine große Niederlage im zweiten Durchgang der Präsidentenwahl bescherte. Damals bekam der Front National im zweiten Wahlgang mit rund 20 Prozent nur etwa so viele Stimmen wie im ersten Wahlgang.

Dieses Mal sieht es für die Rechtsextremen besser aus, auch weil es die republikanische Front nicht mehr gibt. Nach ersten Umfragen kann Marine Le Pen in zwei Wochen auf rund 38 Prozent der Stimmen hoffen, also doppelt so viele wie im ersten Wahlgang.

Und nicht alle konservativen Republikaner waren am Wahlabend bereit, sich für Macron auszusprechen. Die Republikaner haben Macron in den vergangenen Wochen als trojanisches Pferd der Sozialisten bezeichnet und vor dem Untergang der Republik gewarnt, sollte er Präsident werden. Zu harsch war der Wahlkampf verlaufen, in dem Fillon wegen seiner eigenen Skandale vom Favoriten auf den dritten Platz absackte, als dass alle jetzt schnell bereit gewesen wären, umzuschwenken.

Auch der Linke Mélenchon war sichtlich enttäuscht von seinem knappen Scheitern in der ersten Runde und konnte sich nicht zu einer Wahlempfehlung für Macron durchringen. Nun sollen die Komitees seiner Partei, also die Mitglieder entscheiden, ob sie offiziell für Macron stimmen wollen – oder ob sie sich möglicherweise enthalten oder ungültig wählen. Macrons wirtschaftsliberales Programm ist für die Anhänger Mélenchons schwer zu unterstützen. "Wir bedauern", sagte Mélenchons Sprecher Alexis Corbières, "dass wir uns nun hinter eine neoliberale Politik stellen sollen, die Frankreich und Europa ausbluten lässt."

Macron wird es nicht leicht haben, die großen Verlierer dieser Wahl, die etablierten Sozialisten und Konservativen, geschlossen auf seine Seite zu ziehen.

Wahrscheinlich werden die Nichtwähler so zahlreich sein wie nie.