Da ist fast unbemerkt etwas ins Rutschen geraten in unserem Nachbarland. Marine Le Pen absorbiert mit ihrem schrillen rechtspopulistischen Budenzauber sämtliche Ängste der deutschen Öffentlichkeit, alle Hoffnungen projizieren sich auf den liberalen Emmanuel Macron. Was dabei aus dem Blick gerät: Das Duell Macron gegen Le Pen, linke Mitte gegen rechten Rand, ist keineswegs das einzige mögliche für die Stichwahl am 7. Mai – und Le Pen nicht das einzige Schreckensszenario.

Ein Überblick über vier wahrscheinliche Duelle in der zweiten Runde zeigt: So groß wie diesmal waren die Ausschläge in die eine oder andere Richtung noch nie. Frankreich oszilliert zwischen Stichwahlpaaren hin und her, von denen einige das Ende der Europäischen Union bedeuten können. Genauso möglich ist das andere Extrem. Zwei Kandidaten, die für ein halb-beherztes Weiterso eintreten. Das innere Gleichgewicht der französischen Gesellschaft ist dahin.

Die Paare im Überblick

Bei den meisten vergangenen Wahlen schafften es zwei gemäßigte Kandidaten in die Stichwahl – und zogen dort die Stimmen vom jeweiligen Rand an. Eine Integrationsleistung des Systems. Aktuelle Umfragen sehen vier Kandidaten beinahe gleichauf: Demnach kommt Emmanuel Macron auf 24 Prozent. Marine Le Pen liegt bei 21,5 Prozent. Dahinter landen der Konservative François Fillon (20 Prozent) und der linksextreme Jean-Luc Mélenchon (19,5 Prozent). Ein nie gekannter Anteil der Franzosen weiß noch nicht, wen er wählen soll – und überlegt, daheim zu bleiben. Auch deshalb hat jeder dieser Kandidaten noch die Chance, in die Stichwahl zu kommen.


Le Pen – Mélenchon

Ganz rechts gegen ganz links. Das wäre, sollten beide Kandidaten ihre Wahlversprechen wahrmachen, das Ende der EU und des Euro in der heutigen Form. Egal wie die Stichwahl ausgeht. Beide Kandidaten wollen die Gemeinschaftswährung verlassen und lehnen die EU ab. Beide gleichen sich in ihrem Hass auf das Establishment. Beide könnten Frankreich aus der Nato führen und Europa damit nach dem Brexit seiner letzten Nuklearoptionen berauben. Beide kuscheln öffentlich mit Wladimir Putin. Beide sind Wirtschaftsprotektionisten. Sollten sich die beiden in der Stichwahl gegenüberstehen, würde die westliche Allianz gesprengt.


Le Pen – Fillon

Das wäre ein Duell von rechts gegen rechtsextrem. Fillon, Kandidat des konservativen Establishments, steht zwar zur Republik – reizt als Ordnungspolitiker und Salonkonservativer aber immer wieder die Grenzen des bürgerlichen Spektrums aus. Paradoxerweise wäre er trotz inhaltlicher Nähe mit Le Pen eine perfekte Vorlage für die Populistin: Fillon hat Frau und Kinder auf Staatskosten angestellt und ihnen Hunderttausende Euro Steuergelder zugeschanzt. Selbst Konservative wandten sich angeekelt ab. Le Pen wird das ausreizen und dazu die Arbeiterschaft aufstacheln gegen den Bonvivant Fillon. Fillon ist der erste Konservative, dem man ernsthaft zutraut, gegen den Front National verlieren zu können. Denn klar ist, dass bei keinem anderen Duell wohl so viele Wähler daheim bleiben würden. Das macht diese Wahl extrem unvorhersehbar.


Mélenchon – Macron

Der selbst ernannte Arbeiterkönig gegen den Kaviar-Linken. Das Radikale an diesem Duell wäre: Der Trotzkist Mélenchon sowie der gemäßigte Macron gerieren sich als Antithese des politischen Systems. Sie haben keine Parteien im Rücken, sondern ihre eigenen Bewegungen gegründet. Mit ihrer Rhetorik greifen sie die allgemeine Ablehnung der Pariser Demokratie auf – und werden so zu Schallkörpern des Ressentiments. Zwei Außenseiter ohne die disziplinierende Vernunft eines gewachsenen Parteienapparats. Das hat es noch nie gegeben.


Le Pen – Macron

Ein Duell der Extreme. Macron ist ein liberaler Proeuropäer, Ex-Banker, für Freihandel und offene Grenzen, populär unter Akademikern und Städtern. Le Pen ist das Gegenteil. Eine solche Polarisierung ist selten in Frankreich. Daher stellt sich die Frage: Für wen entscheiden sich die Arbeiteranhänger von Mélenchon? Sie haben inhaltlich mehr mit Le Pen gemein als mit dem Weltbürger Macron. Der Liebling der anderen europäischen Staaten wird Zugeständnisse machen müssen. Auch wenn Macron in dieser Konstellation als Favorit gilt, sicher ist nichts.

Ist das so schlimm?

Bei diesen Wahlen steht alles auf dem Spiel. Selbst wenn sich im zweiten Wahlgang ein gemäßigter Kandidat durchsetzen sollte. Warum ist das so gefährlich?