Der sozialliberale Emmanuel Macron und die rechtsextreme Marine Le Pen sind in die Stichwahl um die französische Präsidentschaft eingezogen. Von den internationalen Medien ist die Wahl in Frankreich mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden – so werten die Kommentatoren das Ergebnis.

Die New York Times warnt, dass Gewinner Macron die wirtschaftlichen Probleme Europas vergrößern könnte. "Sollte Macron die Gründe für Europas langanhaltende wirtschaftliche Stagnation nicht klar erkennen, könnte er in der Zukunft noch mehr Probleme anhäufen." Für weitaus gefährlicher hält die Zeitung aber seine Konkurrentin: Marine Le Pen, die in dem ersten Wahlgang auf Platz zwei landete, habe "eine toxische Mischung aus Fremdenfeindlichkeit und Protektionismus im Angebot, die keine Antwort auf Europas Probleme ist, sollte sie allen Vorhersagen zum Trotz einem Sieg in der zweiten Runde der Präsidentenwahlen nahekommen".

Die Aufgabe sieht die NYT in jedem Fall als groß an. In Frankreich würden keine echten Reformen möglich sein, ohne drastische Veränderungen. "Der neue Präsident wird Nerven aus Stahl brauchen, um sich den unvermeidlichen Streiks und Autobahnblockaden zu stellen."

Die Washington Post setzt einen anderen Schwerpunkt und blickt auf den zweiten Wahlgang, bei dem Macron und Le Pen direkt gegeneinander antreten werden. Dabei werde es klare Konfliktlinien geben: "offen gegen geschlossen, Integration gegen Isolationismus, Zukunft gegen Vergangenheit". Unabhängig vom Ergebnis würden Le Pen und ihre Partei bleiben. "Sie stehen für Gefühle, die real sind, die in jedem westlichen Land existieren, und die nun am besten offen, Punkt für Punkt, Argument für Argument bekämpft werden müssen – denn sie stellen eine echte und große Bedrohung für die liberale Demokratie dar, wie wir sie kennen."

Die australische Tageszeitung Sydney Morning Herald vermutet nach der ersten Runde der Präsidentenwahl in Frankreich, dass die Dinge kompliziert werden: "Nehmen wir einmal an, dass Macron Präsident wird: Dann hätte er eine Aufgabe vor sich, die dem Mount Everest gleicht: seine Bewegung En Marche, die es vor einem Jahr noch gar nicht gab, in eine Partei zu verwandeln, die in der Lage ist, im ganzen Land Wahlkreise zu gewinnen." Wahrscheinlicher sei aber, dass die Republikaner die Kontrolle in der Nationalversammlung übernehmen und damit auch Premierminister stellen werden. "Dies würde einen Machtkampf zwischen zwei (wahrscheinlich) Männern bedeuten. Einen Kampf, der damit enden könnte, dass Macron in internationalen Angelegenheiten bestimmt, der Premierminister aber in der Innenpolitik."

Auch die belgische Zeitung De Tijd blickt schon auf die Parlamentswahl im Juni: "Frankreichs Wähler haben sich für das Abenteuer entschieden: Die Auseinandersetzung wird ausgetragen von einem unkonventionellen Kandidaten, der aus dem Nichts die Führung in der ersten Runde der Präsidentenwahl errang, und einer ausgebufften Politikerin, die über fünf Jahre ihr Image glättete, um in die zweite Runde der Wahlen zu gelangen. Und das ist ihr gelungen. Macron bekommt nun Unterstützung von links und rechts." Einen Sieg bei der Parlamentswahl im Juni sei aber noch keine ausgemachte Sache, zumal ihm kein ordentlicher Parteiapparat zur Verfügung stehe.

Die Neue Zürcher Zeitung sieht den Sieg Macrons keinesfalls als gesichert an und warnt vor einem Versagen des "Front rèpublicain": Für die zweite Runde der Präsidentenwahl am 7. Mai sagen die Meinungsumfragen eine klare Niederlage für Le Pen voraus. "Aber auf den 'Front républicain' gegen die extreme Rechte ist kein Verlass mehr, ein Wahlsieg Le Pens liegt im Bereich des Möglichen – falls genügend enttäuschte Bürgerliche zu ihr überlaufen und genügend enttäuschte Linke sich der Stimme enthalten. Um Le Pen überzeugend zu schlagen, wird Macron sein Profil schärfen müssen. Es reicht nicht, nett zu wirken."

Ähnlich sieht das die Lidove Noviny aus Prag:  "Macron hat den ersten wichtigen Schritt hinter sich. Ab hier wird es für ihn schwerer: Er muss seine Position in der zweiten Runde verteidigen – und selbst dann hat er noch nicht gewonnen. Im Anschluss an die Präsidentenwahlen erwartet die Franzosen im Juni die Entscheidung über ein neues Parlament." Die Erfahrung zeige, dass die Wähler auch einen Sieger Macron nicht automatisch unterstützen müssen.

"Le Pen bleibt im Spiel", schreibt auch der Autor der gewerkschaftsnahen Gazeta Wyborcza aus Warschau. "Sicher verliert sie gegen Macron den Kampf um die Präsidentschaft. Aber sie wird in den Wahlen im Juni eine große Gruppe von Abgeordneten ins Parlament führen." Schließlich bestätigten die Niederlagen des Kandidaten der Sozialistischen Partei Benoît Hamon und von François Fillon, dem Vertreter der republikanischen Rechten, die Krise der traditionellen Parteien in Frankreich. "Und sie bestätigen, dass der Front National eine Mainstreamgruppierung geworden ist."

Auch französische Zeitungen sehen einen tiefgreifenden Umbruch der politischen Landschaft Frankreichs. "Obwohl es keinen besonderen Reiz des Unerwarteten gab, wird dieser Wahlabend die Geschichte der fünften Republik nachhaltig verändern", schreibt der Autor von Le Monde. "Durch die Eliminierung der zwei großen Regierungsparteien, die Bestätigung der dauerhaften Etablierung des Front National und durch das Auftauchen einer neuen politischen Kraft, personifiziert von Emmanuel Macron, nunmehr Favorit für die Stichwahl." Dabei könne man schnell vergessen, dass Macron noch vor zwei Jahren praktisch unbekannt war.

Der Figaro beschäftigt sich mit beiden Kandidaten. Sowohl Macron als auch Le Pen würden es vermeiden, sich zu den Linken oder Rechten zu bekennen. Stattdessen sei ihr Ziel, das politische System Frankreichs zu verändern, in dem sie die Hauptursache aller Probleme sehen.