Da kommt aber eine andere, praktischere Frage ins Spiel: die nach dem Geld. Venezuela ist immer schon eine Günstlingswirtschaft der jeweils Herrschenden gewesen. Das war schon lange vor Chávez so. Das Land lebt vom Öl, 97 Prozent seiner Exporte sind Petroleumprodukte und der wirtschaftliche Zusammenbruch der vergangenen Jahre rührt nicht zuletzt daher. Die Ölpreise sind am Weltmarkt kollabiert und seither funktioniert das alte System in Venezuela nicht mehr.

Der Comandante Hugo Chávez hatte berühmterweise einmal gesagt, dass ihn Wirtschaftspolitik "gar nicht interessiert": Venezuela holte eben Öl aus der Erde und verteilte die Einnahmen an das Volk. Die Chavisten haben, genau wie ihre Vorgänger, stets ihre Günstlinge im Militär und im sonstigen Apparat großzügig bedacht. Man kann sogar argumentieren, dass sie fairer mit dem Geld umgehen als andere Regierungen, immerhin legten sie in den frühen Zeiten ja ambitionierte und international viel gelobte Programme für die Armen auf.

Jetzt geht es dem Volk trotzdem dreckig – wegen der Sache mit dem Öl, wegen zahlloser wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen und wegen einer um sich greifenden Korruption, wie sie typischerweise mit Günstlingswirtschaften einhergeht. Das ist im Volk inzwischen auch bekannt. Einige Jahre lang war das nicht der Fall, zumindest nicht bei den Anhängern der Chavisten, denn das Regime führte einen wahren Krieg gegen objektive Wirtschaftsnachrichten. Es stellte statistische Veröffentlichungen ein, verklagte Medien, steckte Journalisten ins Gefängnis und schloss ganze Medienhäuser. Maduros eigene Fernsehshow, Die Salsa-Stunde, gilt heute sogar bei früheren Anhängern als Witz. Da spricht der Chef viel über Politik, aber kürzlich legte er auch ein Tänzchen ein, bei dem seine mollige Körperverfassung gut zur Geltung kam. Viele in Venezuela lachten bitter. Nach einer Studie von drei Universitäten haben 73 Prozent der Venezolaner im vergangenen Jahr Gewicht verloren – wahrscheinlich ein Ergebnis des Versorgungsmangels.

Internationale Drogengeschäfte und die Politik

Doch das traurige Politikexperiment Venezuela zeigt auch: Das Leiden in der Bevölkerung ist für sich genommen noch kein zwingender Anlass dafür, dass die Regierung abtritt. Offensichtlich gelingt es Maduro und seinen Chavista-Kollegen bisher, die richtigen Leute unter den Generälen, in der Polizei und an sonstigen Schaltstellen des Apparates zufriedenzustellen und sich selber an der Macht zu halten. Wie das funktioniert? Dazu gibt es viele Vermutungen und Indizien, aber wenige harte Fakten. Aus den Enthüllungen in den "Panama Papers" im vergangenen Sommer weiß man zum Beispiel, dass zahllose Topfunktionäre aus Venezuela Offshore-Konten haben. Die Revolutionäre legen bei Erzkapitalisten in der Karibik, in Miami und in New York etwas auf die hohe Kante.

Es gibt auch Belege dafür, dass Teile der venezolanischen Regierung und einige Toppolitiker in internationale Drogengeschäfte verstrickt sind. Drogenfahnder und – bereits unter dem gemäßigten Obama – die US-Regierung werfen dem Maduro-Regime offen vor, solchen Geschäften Deckung zu geben und sogar mitzuverdienen. Im vergangenen Jahr wurden zwei Neffen der First Lady Venezuelas in Haiti verhaftet und dann in die USA abgeschoben, weil sie 800 Kilogramm Rauschgift schmuggelten – was freilich keine Verbindung zu Maduro beweist.

Einige Topleute in der Maduro-Regierung bis hinauf zum Vizepräsidenten wurden von US-Behörden beschuldigt, im Nebenerwerb auch Narco-Bosse zu sein. Maduro und Co weisen das zurück. Der Verdacht lautet, dass das Geschäft mit dem Koks die Zahlungen an viele Günstlinge aufrechterhalte – und dass es außerdem auf besonders bösartige Weise Loyalität fördere, weil eine Nachfolgeregierung die illegalen Drogengeschäfte früherer Regierungsbeamter wohl gleich mal untersuchen würde.

Mehr weiß man über den Stand bei der klassischen Geldquelle Venezuelas: beim Öl. Die niedrigen Ölpreise und die ruppigen Interventionen der Chavisten haben dazu geführt, dass Venezuela über viele Jahre recht wenig in seine Ölanlagen investiert hat. Daher steht es jetzt vor einem doppelten Problem: Wenig Erlös pro Fass und wenig Förderkapazität. Aber die geschrumpften Erlöse, die trotz allem zustande kommen, landen in Venezuela überwiegend beim Staat.