Fast 30 Prozent der unter 35-jährigen Franzosen haben im ersten Wahlgang für niemanden gestimmt. Die Jungen haben sich somit fast dreimal so häufig enthalten wie die über 70-Jährigen. Im Gegensatz zum Brexit-Referendum in Großbritannien war das aber nicht der Grund für einen Rechtsruck. Dieses Wahlverhalten kam eher den gemäßigten Kandidaten zugute.

Denn wenn die Jungen am Sonntag gewählt haben, dann wählten sie extrem. 30 Prozent der jüngsten Wählerinnen und Wähler stimmten für Jean-Luc Mélenchon, 21 Prozent Marine Le Pen. Bei den über 70-Jährigen waren es nur neun, respektive zehn Prozent. Die Ablehnung der Extreme gilt für alle Rentner, auch für die unter 70-Jährigen: Nur 14 Prozent von ihnen wählten Le Pen, nur 12 Prozent Mélenchon.

Offenbar ließen sich gerade die Älteren von Emmanuel Macrons jugendlicher Aufbruchstimmung mitreißen, 27 Prozent der über 70-Jährigen wählte Macron. Beliebter bei den Rentnern ist nur einer: François Fillon. Fast die Hälfte seines Elektorats waren Rentner. Während viele Wähler ihre Unterstützung für Fillon nach seinen Skandalen überdachten, blieb die klassische Wählerschaft der Republikaner ihm treu und stimmte nach dem Prinzip: Wir haben immer konservativ gewählt, also wählen wir auch diesmal konservativ. 

Zählt man auch Fillon zu den gemäßigten unter den Präsidentschaftskandidaten, kann man sagen: Die Jungen wählten den Umsturz, die Alten wählten die Konstanz.

Die Verteilung zwischen Frauen und Männern hingegen ist nahezu ausgeglichen. Früher war der FN eine Männerpartei. Seit Marine Le Pen den FN anführt, hat sich dieser Wert angeglichen.

Für Macron und Le Pen wird vor allem eine Wählerschicht im zweiten Wahlgang wichtig sein, weil es in ihren Händen liegt, ob die Stichwahl am 7. Mai die Wahl mit der höchsten Enthaltung in der Geschichte Frankreichs sein wird. In Deutschland nennt man sie im Zusammenhang mit rechtspopulistischen Parteien gerne die Abgehängten, die Globalisierungsverlierer, die mit ihrer eigenen Situation Frustrierten. In Frankreich spricht man häufig von den "classes populaires", den Unterschichten, die die Basis Le Pens ausmachen sollen. Und tatsächlich: Unter den Arbeitern und Arbeitslosen hatte Marine Le Pen den größten Erfolg, gefolgt von Jean-Luc Mélenchon. Deutlich mehr als die Hälfte von beiden Gruppen wählte einen der beiden extremen Kandidaten.

Jene Arbeiter und Arbeitslose können im zweiten Wahlgang kaum etwas gewinnen. Denn sie werden sich kaum in Emmanuel Macrons wirtschaftsliberalem Programm wiederfinden. Aber viele davon sind ebenso wenig bereit, rechtsextrem und damit Le Pen zu wählen. Eine massenhafte Enthaltung könnte das Ergebnis dieser politischen Heimatlosigkeit sein.

Man sieht diese Verteilung auch geographisch. Der FN ist einerseits da stark, wo früher die Schwerindustrie und der Bergbau stark war, im Nordosten und Osten des Landes. Eine Errungenschaft von Marine Le Pen, die den FN unter ihrer Führung protektionistisch positionierte, während ihr Vater ultraliberale Wirtschaftspolitik verfolgte. Die anderen FN-Hochburgen, im Süden des Landes, sind 2017 die selben wie schon vor 15 Jahren. Es sind diese ausgemergelten, von Landflucht betroffenen Regionen, wo schon lange, seit dem Algerienkrieg in den 1960er-Jahren, ethnische Spannungen herrschen und deren wirtschaftliche Entwicklung seit Jahrzehnten stagniert.

Im ersten Wahlgang zeichnete sich darüber hinaus bereits ab, dass vor allem Menschen, die weniger gut verdienen, sich ihrer Stimme enthalten. Die Wahlbeteiligung lag bei nur 70 Prozent unter jenen, die weniger als 1.250 Euro im Monat verdienen – und geht linear nach oben. Bis zu 84 Prozent Wahlbeteiligung gab es bei jenen, die mehr als 3.000 Euro verdienen.

Das erklärt auch die niedrige Beteiligung junger Franzosen. Denn gerade sie verdienen in Frankreich besonders schlecht.