Barack Obama, so scheint es, hat jetzt erst einmal genug Urlaub gemacht. Regelrecht ausgetobt hat er sich beim Kitesurfen, Golfen, Fahrradfahren auf Hawaii, in der Südsee und in der Karibik. Auf Jachten und privaten Inseln sonnte er sich mit Tom Hanks, Oprah Winfrey und Bruce Springsteen in der Gemeinschaft der Glamourösen. Es sei ihm gegönnt. Mit 55 Jahren fängt das Leben ja erst richtig an. Aber nun kann er sich ruhig wieder an die Arbeit machen. Denn er wird gebraucht in dieser durchgedrehten Trump-Welt. Obamas nüchterne Intelligenz, seine Empathie, sein Sinn für Recht und Anstand sind das genaue Kontrastprogramm zum infantilen Kraftprotz im Oval Office.

Wie bitter für ihn ganz persönlich das zerstörerische Wirken seines Nachfolgers ist, wurde mir klar bei einem Mittagessen mit einem früheren engen Mitarbeiter Obamas in Washington, gleich um die Ecke vom Weißen Haus. Draußen zog ein Trupp von Demonstranten vorbei, sie protestierten gegen den Weiterbau einer Öl-Pipeline, die Obama gestoppt hatte. Obama leide sehr darunter, dass Trump all das einreiße, was er in seinen acht Jahren mühsam durchgesetzt habe, von der Krankenversicherung bis zum Umwelt- und Klimaschutz, sagte mir ein ehemaliger Mitarbeiter. Obama habe nie für möglich gehalten, wie rabiat sich Trump an die Zerstörung seines politischen Erbes machen würde.

Mit dem Ex-Präsidenten leiden jene, für die er das moderne, liberale und weltoffene Amerika verkörperte. Ihr Hoffnungsträger bleibt er über seine Präsidentschaft hinaus. In dieser Woche ist Barack Obama Stargast beim Kirchentag in Berlin. Am Donnerstag diskutiert er mit Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor über das Thema "Engagiert Demokratie gestalten – Zuhause und in der Welt Verantwortung übernehmen". 80.000 Teilnehmer werden erwartet. Die Menschen wieder so zu verzaubern wie bei seinem umjubelten Auftritt an der Siegessäule im Sommer 2008 – das wird ihm vielleicht nicht gelingen. Aber die Herzen der Zuhörer wird er wieder erreichen. Obama und die Deutschen, das bleibt eine Lovestory.

Sie werden es ihm kaum verübeln, dass er jetzt erst einmal ordentlich Geld verdienen will. 65 Millionen US-Dollar sollen er und Michelle für ihre Memoiren erhalten. Für eine Rede vor Investmentbankern an der Wall Street bekommt Obama 400.000 Dollar. Beim Kirchentag allerdings gibt es kein Honorar.

In den Vereinigten Staaten wird seine Präsidentschaft nüchterner beurteilt als hierzulande. Obwohl das Land wirtschaftlich gut dastand, als er aus dem Amt schied, hat Obama den Amerikanern die Angst vor den Härten der Globalisierung nicht nehmen können. Nur so ist Trumps Wahlsieg zu erklären. Weltpolitisch begann mit Obama eine neue Bescheidenheit, er wollte nicht überall und allerorten mit der ganzen Stärke der Supermacht intervenieren, in Syrien etwa, oder in Nordkorea. Manche Konflikte, die er für unlösbar hielt, hat er schwären lassen. Das haben ihm nicht nur die Realpolitiker übel genommen.

Aber leise Töne sind noch keine Leisetreterei, und große Töne sind noch keine großen Taten. In Stil und Substanz könnte der Kontrast nicht größer sein als zwischen dem bisherigen und dem neuen US-Präsidenten. Am Donnerstag trifft Angela Merkel sie beide – am Vormittag beim Kirchentag Obama, am Nachmittag beim Brüsseler Nato-Gipfel Trump. Wann je waren Glück und Elend der deutsch-amerikanischen Beziehungen einander so nahe wie an diesem Himmelfahrtstag?

Lädt der Kirchentag also den Richtigen ein? Ja, denn Obama legte an die Politik, gerade die Außenpolitik, nicht nur den Maßstab des Interesses, sondern auch den der Moral an. Ihm ging es um die Menschen- und Freiheitsrechte, er verteidigte Prinzipien, die dem jetzigen Präsidenten ziemlich egal sind. Trump erklärte in Riad: Wir sagen euch nicht, wie ihr leben sollt. Im Klartext: Sollen die saudischen Herrscher ihre Untertanen doch behandeln, wie sie wollen – was geht uns das an? Obama hingegen mischte sich ein. Nicht immer. Aber wenn er wegschaute, dann schien er ein schlechtes Gewissen zu haben.

Charisma und Charakter müssen nicht in eins fallen, auch nicht in der Politik. Wo doch, entfaltet diese Verbindung eine magische Anziehungskraft. Sie kann das Beste aus den Bürgern herausholen und ganze Gesellschaften erheben.

Welcome back, also, Mr. Obama. Wer George W. Bush zum Vorgänger hatte und Donald Trump zum Nachfolger, und dazwischen acht Jahre lang bewiesen hat, dass es auch ein anderes, ein kluges, tolerantes und mitfühlendes Amerika gibt, der hat es verdient, wenn ihm auf dem Kirchentag die Herzen zufliegen.