Man muss Donald Trump Respekt zollen. Ihm ist gelungen, woran sein Vorgänger Barack Obama gescheitert ist. Trump hat den Europäern endlich verständlich machen können, dass sie sich um ihre Angelegenheiten selbst kümmern müssen. Auch Obama hat das in seinen acht Jahren als US-Präsident eingefordert, freundschaftlicher, sanfter, diplomatischer zwar, aber im Kern war es dieselbe Botschaft: Die USA wollen und können für Europa nicht ewig die Schutzmacht spielen. Europa muss weltpolitisch erwachsen werden. Obama wurde nicht gehört, weil die Europäer nicht hören wollten. Warum sollten sie auch? Sie hatten es doch bequem.

Wann immer die USA einen katastrophalen Fehler machten – wie zum Beispiel den Einmarsch in den Irak im Jahr 2003 –, konnten sich die Europäer, vorneweg die Deutschen, über diese schießwütigen Amerikaner echauffieren. Wenn es mal ernst wurde, wenn man selbst gelähmt war, da freute man sich dann doch über die hochgerüsteten, entschlussfreudigen amerikanischen Freunde. Auf sie war ja Verlass.

Das nun scheint vorbei zu sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das öffentlich eingestanden: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt." Gemeint waren die Treffen mit Trump beim Nato-Gipfel in Brüssel und dem G7-Gipfel im sizilianischen Taormina. Der US-Präsident benahm sich so bockig, rüpelhaft, kompromisslos, so wenig freundschaftlich, dass die sonst so merkelnde Kanzlerin Klartext redete: "Ich kann nur sagen: Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen."

Aber was bedeutet das nun?

Es gibt drei Politikfelder, in denen Europa möglichst schnell Handlungsfähigkeit beweisen muss: Migration, Euro, Verteidigung. Und bei diesen drei Feldern wird Europa – und insbesondere Deutschland – Abschied nehmen müssen von einer ganzen Reihe von Lebenslügen.

Migration

Europa muss seine Grenzen unter Kontrolle bringen. Das ist derzeit ganz offensichtlich nicht der Fall. Ein Blick nach Libyen reicht. Hunderte sind in diesem Jahr schon auf dem Weg über das Meer nach Italien ertrunken, über 50.000 sind in den ersten Monaten an Italiens Küsten gelandet. Bis zum Ende des Jahres werden es nach Schätzungen der italienischen Behörden an die 200.000 Menschen sein – und es ist kein Ende in Sicht.

Jeder, der es schafft, nach Europa zu kommen, hat nach geltendem Gesetz das Recht auf eine Einzelfallprüfung seines Asylantrages mit Rekursmöglichkeiten. Angesichts der Zahlen ist es offensichtlich, dass diese Form der Asylpraxis auf Dauer nicht mehr haltbar ist. Das bestehende Asylrecht – und dazu gehört auch die Genfer Flüchtlingskonvention – ist nicht geschaffen worden für die Bedingungen einer anhaltenden Massenwanderung nach Europa.

Das heißt freilich nicht, dass Europa ein Kontinent werden soll, der Schutzbedürftigen keinen Schutz bietet. Es heißt, dass die Grenzen der Schutzbedürftigkeit enger gezogen werden müssen. Es heißt, dass klarer unterschieden werden muss zwischen Asyl und Migration. Gleichzeitig wird Europa mehr Möglichkeiten der legalen Migration anbieten müssen. Das reicht von einer Erhöhung der Zahl sogenannter Kontingentflüchtlinge bis zur Ausstellung von Arbeitsvisa. Zum Grenzschutz gehört auch, dass Menschen ohne Aufenthaltsrecht in ihre Heimatländer zurückgebracht werden müssen. Und zwar in viel größerer Zahl als es heute geschieht. Wenn Europa seine Grenzen kontrollieren will, und das wird es tun müssen, sonst erodiert die Union, muss es Abschied nehmen von dem geliebten Selbstbild, eine "sanfte Weltmacht" zu sein. Hinter der Sanftheit der EU verbarg sich oft genug Unfähigkeit und Ratlosigkeit.

Euro

Die Eurokrise ist in der letzten Zeit etwas aus dem Fokus geraten. Das heißt nicht, dass sie beigelegt ist. Sie wird nur von anderen Krisen überdeckt. Doch eine Reform des Euroraums ist dringend, sonst vertieft sich die Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa noch weiter. Das gefährdet den Zusammenhalt der gesamten EU.

Nicht die neue Weltmacht

Derzeit ist viel die Rede von einem Eurobudget, einem Europarlament, einem Eurofinanzminister. Das kann alles nützlich sein. Doch wäre es eine Illusion zu glauben, dass ein Mehr an europäischer Integration die einzige Antwort auf die Eurokrise sei. Das Problem des Euros liegt weniger in den EU-Institutionen begraben, sondern in den Nationalstaaten selbst. Dort ist der hinhaltende Widerstand gegen Reformen am größten. Deswegen wird jeder Integrationsschritt im Euroraum mit erhöhtem Druck auf die Nationalstaaten einhergehen müssen. Das ist politisch riskant. Denn die EU wird damit noch mehr als bisher als eine "Zwangsunion" erscheinen. Das macht sie angreifbar, aber es führt kein Weg daran vorbei.

Zur Debatte um den Euro gehört auch die Einsicht, dass einzelne Staaten möglicherweise nicht mehr im Euroraum bleiben wollen oder es nicht mehr schaffen, darin zu verbleiben. Für diese Staaten müsste es ein geregeltes Verfahren für den Ausstieg aus dem Euro geben. Geregelt heißt: Die Folgen eines Ausstieges müssen kalkulierbar sein. Verlustreich wären sie allemal.

Verteidigung

Die Debatte um eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik hat in den letzten Monaten ordentlich Fahrt aufgenommen. Die Wahl Trumps ist allerdings nur ein Grund dafür. Ein anderer ist der Brexit. Großbritannien hatte in den vergangenen Jahren immer sehr viel verhindert, wenn es darum ging, eine gemeinsame europäische Verteidigungs- und Sicherheitspolitik aufzubauen. Nun sind Briten de facto draußen. Die britische Bremse ist damit weg. Tatsächlich haben Frankreich und Deutschland eine engere Zusammenarbeit vereinbart, tatsächlich hat die EU inzwischen eine sogenannte strukturierte militärische Zusammenarbeit vereinbart, tatsächlich gibt es ein gemeinsames militärisches Hauptquartier, zumindest in einem embryonalen Zustand.

Alles das könnte man als einen Schritt in Richtung europäischer Armee interpretieren. Doch davon ist man Lichtjahre entfernt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Europäische Union ihre beträchtlichen Rüstungsausgaben besser einsetzen würde. Die Schwäche der EU in militärischen Fragen liegt nicht am Mangel an Geld, sondern am Mangel an Effizienz. Auch hier gilt: Hinter dem Selbstbild der Friedensmacht EU verbirgt sich Unfähigkeit zur Reform.

Jeder, der in Deutschland für eine EU-Armee wirbt, der muss im Übrigen auch klar sagen, dass dies dann keine Parlamentsarmee nach deutschem Muster sein wird. Kommt die europäische Armee, dann verliert der Bundestag seinen Parlamentsvorbehalt bei Militäreinsätzen. Will man das?

Es ist für Europa alles andere als einfach, sich um das eigene Schicksal zu kümmern. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei. Das ist die richtige Erkenntnis dieser Tage. Ob "mehr Europa" gelingt, das wird sich in den nächsten Jahren zeigen. So wichtig dieser halb erzwungene, halb gewünschte Europaoptimismus ist, so falsch wäre es zu glauben, Europa könne die USA als Weltmacht ersetzen. Emanzipation von den USA darf nicht Bruch mit den USA heißen. Selbst wenn Europa alles richtig macht: Die Freundschaft mit Amerika bleibt von existenzieller Bedeutung.

Denn die USA sind weit mehr als Donald Trump – und sie sind weit zuverlässiger als er.