Auch zu Wasser häufen sich jetzt die Zwischenfälle. So verfeuerte ein türkisches Patrouillenboot am 17. Februar zwei Meilen vor der griechischen Insel Farmakonisi scharfe Munition. Obgleich über die Übung im internationalen maritimen Sicherheits- und Wetterdienst Navtex informiert wurde, war dies nach Griechenlands Einschätzung, das auf der Insel einen Armeeposten hält, unberechtigt. Die Antwort aus dem griechischen Ministerium kam prompt, Außenminister Kotzias ließ die türkische Regierung wissen, dass man beim nächsten Mal "viel härter reagieren" werde.

Der Streit um viele unbewohnte Inseln vor der türkischen Küste schwelt schon lange. Mit dem von der Türkei nicht akzeptierten UNCLOS-Vertrag ist Griechenland berechtigt, sein Hoheitsgebiet zur See von sechs auf zwölf Seemeilen zu erweitern. Dennoch geht die Türkei in der Frage der Abgrenzung der Territorialgewässer davon aus, dass alle griechischen Inseln der Ostägäis innerhalb der türkischen Ausschließlichen Wirtschaftszone liegen und pocht auf die Zweiteilung des Festlandsockels, also den Verlauf der Grenze in der Mitte zwischen beiden ägäischen Küsten.

"In die Situation der Neunziger zurückwerfen"

Genau diese Wirtschaftszonen aber, die den Küstenstaaten ein paar Rechte zugestehen, sind ein Prinzip des UN-Seerechtsabkommens, dem die Türken nicht beigetreten sind. Konflikte wie die Nutzung der Ressourcen rücken so wieder auf die Tagesordnung und könnten "die Länder in die Situation der Neunziger zurückwerfen", schätzt Balkanexperte Tsitselikis.

Athanasios Marvakis, Universitätsprofessor der Aristoteles-Universität Thessaloniki, fürchtet, dass die aktuellen Dispute "eine nächste Imia werden". Auch bei dieser Krise von 1996 ging es um Territorialansprüche. Als Griechenland 1994 durch UNCLOS das Recht auf die Ausweitung seiner Küstenzone erhielt, erklärte die Türkei eine Inanspruchnahme dessen zum Kriegsgrund, festgehalten in der Casus-Belli-Erklärung vom Juni 1995. Im Dezember 1995 strandete ein türkisches Frachtschiff vor den zwei unbewohnten Inseln namens Imia (türkisch: Kardak).

Eine Rettung durch die griechische Küstenwache lehnte die Türkei mit der Begründung ab, dass es sich um ihr Land handele. Kurze Zeit später hisste erst die griechische, anschließend die türkische Seite ihre Nationalflagge auf der Insel. Wie bei einer Mondlandung wollte man mit dem symbolträchtigen Akt Land markieren und geschichtsbestimmend sein.

Über 30 Kriegsschiffe versammelten sich

Am 30. Januar 1996 überschritten die Nachbarländer schließlich die Grenze patriotischer Symbole – über 30 Kriegsschiffe versammelten sich. Ein Hubschrauber der griechischen Marine verunglückte, mit ihm drei Insassen. Ein Krieg konnte mit Unterstützung des US-Diplomaten Richard Holbrooke abgewendet werden, doch die jährlichen Gedenkveranstaltungen dazu geben heute regelmäßig Anlass für Streit. Eine der ersten Amtshandlungen des griechischen Verteidigungsministers Panos Kammenos von der rechten Anel-Partei war 2015 ein Hubschrauberflug über die Imia-Inseln. Dieses Jahr schipperte zum Gedenktag im Januar eine Flotte türkischer Raketenschnellboote durch griechisches Territorium und umrundete die Imia-Inseln.

Was zur Zeit aber wohl für die größte Unruhe sorgt, ist, dass der türkische Präsident Tayyip Erdoğan seit vergangenem Herbst den Vertrag von Lausanne infrage stellt. Nach dem Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei von 1923 regelte der Vertrag auch den türkischen Grenzverlauf Richtung Griechenland. Lausanne sei kein heiliger Text, verkündete Erdoğan mit Blick auf die griechischen Ägäisinseln vor der türkischen Küste. Damit nicht genug, geht jetzt auch die griechische Seite auf die Diskussion über Lausanne ein: Das Abkommen sei auch aus griechischer Sicht "nie richtig umgesetzt worden", sagte Außenminister Kotzias Anfang Mai, denn die griechische Bevölkerung auf türkischen Inseln würde diskriminiert.

Bis zur Abstimmung über Erdoğans Präsidialsystem im April waren Beobachter noch davon ausgegangen, dass die nationalistischen Töne aus der Türkei der Referendumswerbung geschuldet waren. Dass eine Konfrontation mit Griechenland von vorübergehender Natur sei, die sich nach dem Referendum erledigt, hat sich jedoch nicht bestätigt. Die türkische Marine erhebt weiterhin Anspruch auf Übungen im Gebiet der Imia.

Dass es auch anders gehen kann, zeigt die Kooperation am Grenzfluss Evros, dem Startpunkt der Balkanroute für Nahostflüchtlinge. Inzwischen kommt kein Flüchtling auf türkischer Seite auch nur in die Nähe der Hochsicherheitsgrenze. Insofern zeige sich, dass auch die vermeintlichen Konkurrenten Griechenland und die Türkei, wenn denn der politische Wille auch der beteiligten starken EU-Länder vorhanden ist, sehr wohl sehr gut zusammenarbeiten können, betont Athanasios Marvakis. Nur, so Marvakis, sei der Effekt eben, dass deswegen jetzt immer noch Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken.