Seit die britische Premierministerin vor wenigen Wochen überraschend Neuwahlen ausgerufen hatte, weigerte sich Theresa May beständig, mit ihrem Kontrahenten Jeremy Corbyn eine Fernsehdebatte zu führen. Und so war der TV-Auftritt zwischen Premierministerin Theresa May und Oppositionschef Jeremy Corbyn am Montagabend auch eigentlich gar kein echtes Aufeinandertreffen. Bei The battle for Number 10, dem Kampf um die Nummer 10 in der Downing Street, dem Londoner Regierungssitz, warteten offenbar May und Corbyn im Studio in voneinander abgetrennten Bereichen darauf, vor die Kameras gelassen zu werden. Auch während der Sendung debattierten beide nicht miteinander, sondern vielmehr nacheinander. Sie beantworteten ausschließlich Fragen der Moderatoren und der Zuschauer im Studio.

Dennoch, die Briten waren gespannt. Schließlich war es das erste Mal seit Beginn des Wahlkampfes, dass beide Spitzenkandidaten für den Posten des Premiers im Fernsehen zeitgleich auftraten. Ein weiterer Umstand verleiht der Sendung Gewicht: Labour hat in den vergangenen zwei Wochen in allen Umfragen massiv zugelegt. Corbyns Partei lag vor kurzem noch 20 Prozentpunkte hinter den regierenden Tories. In einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Umfrage im Auftrag der Londoner Times hatten die Tories jedoch nur noch einen Vorsprung von fünf Prozent. Das längst entschieden geglaubte Rennen scheint wieder offen. 

Jeremy Corbyn betritt als Erster das Studio. Er trägt eine rote Krawatte und lächelt ins Publikum, das – laut den Machern der Show – zu je einem Drittel aus Unterstützern von Labour, Tory-Wählern und Unentschlossenen besteht. 

Gleich die erste Frage ist heikel. Nach dem Anschlag von Manchester hatte Corbyn einen Zusammenhang zwischen dem internationalen Terrorismus und der britischen Außenpolitik hergestellt. Wieso solle das Land seine Außenpolitik schwächen, wenn die IS-Miliz nicht zu Kompromissen bereit sei, möchte eine Frau im Publikum wissen. Corbyn erklärt, es dürfe keine Außenpolitik geben, die zur Folge habe, dass ganze Regionen "ohne Regierung" blieben, wie etwa in Libyen. So entstünden "Brutstätten für den Terror". Er werde sich für einen Friedensprozess in Syrien und für den Aufbau einer Regierung in Libyen einsetzen, fügt er hinzu. Corbyn wirkt zu diesem Zeitpunkt noch etwas unruhig. Seine Antwort aber sitzt.

Dialog mit der IRA

Unangenehm auch die Frage eines weiteren Zuschauers. Corbyn und andere führende Labour-Politiker hätten in der Vergangenheit "die IRA unterstützt", sagt ein Mann, der mit einem irischen Dialekt spricht. Die Frage kommt nicht überraschend. Seitdem Labour bei Umfragen zulegt, versuchen die Tories und konservative Medien, führenden Labour-Politikern eine Nähe zu militanten Organisationen anzuheften. Corbyn erklärt, er habe während des Nordirland-Konflikts mit allen Seiten gesprochen und sich für den Friedensprozess eingesetzt, zu dem es letzten Endes auch gekommen sei. Dieser Friedensprozess gelte nun als "Modell" für Konflikte in der ganzen Welt, sagt er dann. 

Corbyn versucht, in Fahrt zu kommen, klappert weitere Punkte des Labour-Wahlprogramms ab: Er erklärt, er wolle in die Bildung investieren. Das solle durch höhere Steuern für Vermögende und Konzerne finanziert werden. Als Zuschauer ihn fragen, ob er mehr bewaffnete Polizisten auf Großbritanniens Straßen befürworte, lenkt er ein; ja, dies sei notwendig. 

Corbyn: Rechte für EU-Bürger in Großbritannien

Eine Frage zur Zahl der Einwanderer lenkt Corbyn geschickt um; er wolle Unternehmen daran hindern, in großer Zahl Niedriglohn-Arbeiter ins Land zu holen, die möglicherweise Löhne drückten, sagt er einerseits. Auf eine geringere Zahl an Einwanderern wolle er sich aber nicht festlegen. Den EU-Bürgern im Land wolle er andererseits so bald wie möglich umfassende Rechte zusichern. 

Eine Zuschauerin beschwert sich darüber, wie "lustlos" sich Labour zum Brexit äußere. Corbyn sagt, er erkenne das Ergebnis des Referendums an. Ihm sei es nun wichtig, bei den Verhandlungen zu gewährleisten, dass britische Unternehmen einen zollfreien Zugang zum Europäischen Binnenmarkt behielten und dass Bürgerrechte, die durch EU-Recht gewährleistet würden, nicht angetastet würden. Nun hat sich Corbyn warm geredet. Er wirkt in seinem Element.

Bei einer Frage zur Sicherheitspolitik kommt er trotzdem ins Schlingern. Sie berührt einen weiteren Vorwurf, den seine Gegner häufig erheben: Dass Corbyn wegen seiner pazifistischen Vergangenheit nicht für den Posten des Premiers geeignet sei. Corbyn erklärt, er wolle sich auch weiter für eine atomwaffenfreie Welt einsetzen. Moderator Jeremy Paxman legt nach. Im Wahlprogramm stehe, dass eine Labour-Regierung das britische Atomwaffenprogramm aufrechterhalten wolle. Dabei sei er doch dagegen, dass Großbritannien Atomwaffen habe. Ob das "moralisch richtig" sei, will Paxman wissen. Corbyn kontert, über das Wahlprogramm habe die Parteikonferenz entschieden. Dahinter stehe er. 

Paxman bohrt weiter: Ob er die Monarchie abschaffen wolle. Corbyn kontert, er habe kürzlich eine "nette Unterhaltung" mit Königin Elisabeth II. geführt. Das Publikum lacht. Dann ergreift Corbyn wieder die Initiative: Er spricht über soziale Gerechtigkeit, darüber, dass man Studenten nicht mit Schulden "beladen" sollte (Labour fordert die Abschaffung der Studiengebühren). Einige weitere schwierige Fragen umgeht er, etwa, ob er mutmaßliche Terroristen gezielt töten lassen würde. Die Fragerunde mit Corbyn ist vorbei. Werbepause, Theresa May betritt den Raum.