Verhofstadt: Richtig, aber ich habe dieses Wort nicht erfunden. Erst Victor Hugo und dann Winston Churchill haben diesen Namen gebraucht.

ZEIT ONLINE: Der französische Schriftsteller Hugo sprach bereits im 19. Jahrhundert von einem vereinten Europa. Im 20. Jahrhundert zählte auch Albert Einstein zu den Befürwortern. Warum glauben Sie, dass heutzutage eine europäische Identität existiert?

Verhofstadt: Ich mag das Wort Identität nicht. Denn die Identität jeder einzelnen Person ist einzigartig, bildet sich aus verschiedenen Elementen. Kommst du aus der Stadt? Aus einem Dorf? Bist du männlich oder weiblich? Hetero- oder homosexuell? Mit welcher Sportart bist du aufgewachsen? Ganz viele Elemente formen die Identität einer Person. Wer von dieser oder jener Identität spricht, will Menschen in Kategorien packen. Alle, die sagen, wir hätten eine nationale Identität ...

ZEIT ONLINE: ... sagen auch, wir sprechen fast alle unterschiedliche Sprachen in Europa, schauen unterschiedliche Medien, und deshalb gibt es gar keine europäische Identität oder Zivilisation?

Guy Verhofstadt in seinem Büro im europäischen Parlament © Steffen Dobbert

Verhofstadt: Ich verweise da gern auf Indien. Dort gibt es mehr als 20 verschiedene Sprachen, vier große Religionen. Und dennoch haben die Inder eine Demokratie und gehören zu einer Zivilisation. Ist doch ein Vorteil, dass es in der EU viele Sprachen gibt. Und der Fakt, dass wir verschiedene Medien haben, nun ja, spricht doch für unsere Presselandschaft. Die Menschen wachsen immer mehr zusammen. Schauen Sie sich den Siegeszug von Social Media an – europaweit, vielleicht sogar weltweit, sorgt Social Media dafür, dass die Leute sich vernetzen.

ZEIT ONLINE: Deshalb wollen viele aber noch lange keine Vereinten Staaten von Europa.

Verhofstadt: Selbst die Gründer der Union, jene Menschen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich daran machten, die EU zu entwerfen, wollten ein Gebilde ähnlich wie die Vereinigten Staaten von Europa erschaffen. Es war alles vorbereitet.

ZEIT ONLINE: Aber es kam anders.

Verhofstadt: Wir haben in diesem Jahr den 60. Jahrestag der Römischen Verträge gefeiert, ein großes Tamtam in Rom war das. Dabei waren die Römischen Verträge schon ein Fehler, ein Kompromiss, der nicht das war, was die Fachleute eigentlich erschaffen wollten. Eigentlich war damals alles geplant – eine Verteidigungsunion, eine politische Union, ein europäisches Parlament. Das ganze Projekt, es war da, eine kleine Regierung, eine zweite Kammer zur Kontrolle, alles lag auf dem Tisch, fertig für die Umsetzung, 1953 schon. Dann haben wir nur eine Zoll-Union bekommen, viel mehr waren die Verträge von Rom ja nicht. Alles, weil Frankreich im entscheidenden Moment blockiert hat. Es war wie ein Unfall. 

ZEIT ONLINE: Warum ist jetzt die Zeit gekommen, mögliche Gründungsfehler zu beheben?

Verhofstadt: Weil es der beste Weg ist, unsere Interessen, beispielsweise wirtschaftliche Interessen, gegen China oder die USA durchzusetzen. Kanzlerin Merkel sagte nach dem G7-Gipfel, wir können uns nicht mehr ausschließlich auf andere verlassen. Das ist keine Neuigkeit. Neu und gut ist, dass sie diesen Umstand nun offen anerkennt. Mit Trump und seinem eher nebulösen Bekenntnis zur EU ist es höchste Zeit, dass Europa sich neu erfindet, enger zusammenrückt. Wenn wir das jetzt nicht machen, werden wir nicht in der Lage sein, den enormen globalen Druck auszuhalten.

ZEIT ONLINE: Und wenn ein, sagen wir, deutscher Wähler von der Globalisierung nichts wissen will?

Verhofstadt: Dann soll er an die Flüchtlingsherausforderung denken. Um damit besser umzugehen, brauchen wir die Veränderungen auf europäischer Ebene.

ZEIT ONLINE: Wie könnte das, was Sie vorschlagen, Realität werden? Noch vor knapp zehn Jahren entschied sich eine Mehrheit der Niederländer und der Franzosen in einem Referendum gegen den Vertrag über eine Verfassung für Europa.