Die auferlegte Abstinenz währte nicht lange. Kaum war der Präsident von seiner ersten Auslandsreise zurück, unterbrach er seine mehrtägige Twitter-Pause, um in das Geschehen der vergangenen Tage einzugreifen. Viele der Enthüllungen, die aus dem Weißen Haus nach außen dringen würden, seien nichts weiter als "konstruierte Lügen der #FakeNews"-Medien, schrieb Donald Trump am Sonntagmorgen, wenige Stunden nach seiner Ankunft. Wann immer die Medien namenlose Quellen angäben, könne man davon ausgehen, dass diese erfunden seien: "#FakeNews sind der Feind!" 

Mit dem knappen Statement reagierte Trump auf die Nachrichten vom Wochenende, nach denen sein Schwiegersohn Jared Kushner in den Fokus der Ermittlungen rund um Verbindungen zwischen Trumps Wahlkampfteam und Vertretern des Kremls geraten sei. Die Washington Post hatte in der jüngsten Runde von Enthüllungen berichtet, Kushner habe nach dem Wahlsieg einen direkten Kommunikationskanal zu Moskau einrichten wollen, um den Krieg in Syrien und weitere Themen zu besprechen. Schon im Dezember – damals noch ohne offizielle Regierungsposition – soll er sich dafür mit dem russischen Botschafter Sergej Kisljak im Trump Tower in New York getroffen haben. In die Tat umgesetzt wurde die Idee nicht.

Die New York Times hatte am Montag zudem berichtet, Kushner habe sich etwa zur selben Zeit auch mit einem russischen Banker getroffen, der enge Verbindungen zum Kreml und russischen Geheimdienstbehörden habe – und gegen den US-Sanktionen verhängt waren. Bereits im März hatte das für die Ermittlungen zuständige Senatskomitee das Weiße Haus darüber informiert, dass es Kushner zu diesem Treffen befragen wolle.

Hatte der US-Präsident gehofft, die Aufregung zu Hause würde in seiner Abwesenheit abebben, so wurde er enttäuscht. Die laufenden Ermittlungen in der Russland-Affäre, die die Agenda im Weißen Haus seit Wochen überschatten und Trump und sein Team in die Defensive gedrängt haben, gewinnen mit der Nachricht erneut an Substanz. Die Russland-Ermittlungen seien aus der Peripherie des Wahlkampfs direkt ins Weiße Haus eingezogen, hieß es von führenden Demokraten.

Doch nicht nur das: Mit Jared Kushners Rolle wird die Frage über eine Absprache zwischen dem Beraterteam des Präsidenten und Vertretern Moskaus für Donald Trump persönlicher als je zuvor.

Kushners politischer Instinkt erweist sich als fehlbar

Bislang genoss der 36-jährige Ehemann von Trumps Tochter Ivanka das volle Vertrauen des Präsidenten. Kushner besetzt nicht nur zwei Büros im Westflügel des Weißen Hauses, wenige Schritte vom Oval Office entfernt. Seine Meinung gilt auch als einflussreich, wenn es um wichtige politische Vorhaben von der Gesundheitsreform bis zum Klimaabkommen geht. Die Tatsache, dass Trump seinem Schwiegersohn außenpolitische Projekte mit großer historischer Tragweite anvertraut – darunter etwa die Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern –, hat angesichts Kushners fehlender Erfahrung selbst in den eigenen Reihen viele verblüfft.

Die Nähe beschränkt sich nicht auf den West Wing des Weißen Hauses. Kushner stammt wie sein Schwiegervater aus einer New Yorker Immobiliendynastie, und beiden wurde neben den bekannten Familiennamen auch das an Größenwahn grenzende Selbstbewusstsein in die Wiege gelegt. Gemeinsam ist beiden auch der ausgeprägte Sinn dafür, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und Kritik nicht unbestraft zu lassen. Im Wahlkampf hatte Kushner das Vertrauen des Schwiegervaters gewonnen, als er die wenig erfolgreiche Digitalstrategie auf Vordermann brachte. Seitdem trägt er bei vielen Mitarbeitern im Weißen Haus den Spitznamen Jared Island – eine Anspielung auf den fast unantastbaren Status, den der Schwiegersohn heute beim Präsidenten genießt.

Doch in den vergangenen Wochen litt das Verhältnis zwischen beiden laut Medienberichten unter den Negativschlagzeilen. Ein Auftritt von Kushners Schwester in Peking war von den Medien als dankbares Indiz für die vermutete Vetternwirtschaft aufgegriffen worden. Im Auftrag des Familienkonzerns der Kushners hatte Nicole Meyer dort um Investoren geworben und dabei den Zugang zu Green Cards für chinesische Geldgeber in Aussicht gestellt. Trump sei erbost gewesen, schrieb die New York Times mit Verweis auf dessen Umfeld. Der Präsident habe den Verkaufskniff als Vertrauensmissbrauch gewertet und seinem Unmut lautstark Luft gemacht.

Auch der politische Instinkt Kushners erwies sich seitdem immer wieder als fehlbar. So hatte er auf die Entlassung von FBI-Direktor Comey gedrängt – in der Annahme, die Demokraten würden den Schritt angesichts dessen Rolle im Wahlkampf mittragen –, um so den Druck auf das Weiße Haus zu reduzieren. Die Entscheidung ging jedoch nach hinten los: Die plötzliche Entlassung zwang das Justizministerium nur kurz darauf zur Ernennung eines Sonderermittlers, der die Unabhängigkeit der Russland-Untersuchungen bewahren soll. 

Die Untersuchungen von Senat und FBI sollen nun unter anderem die Frage klären, ob der inoffizielle Kommunikationskanal langfristig bestehen bleiben sollte – und ob neben Syrien weitere Themen bei den Treffen diskutiert wurden, etwa die von Obama verhängten Sanktionen gegen Russland nach dem Einmarsch in der Ukraine.

Kushner hat sich inzwischen bereit erklärt, auch dazu auszusagen. Zwar ist ein solcher Kommunikationskanal nicht illegal, die Nutzung aber ist äußerst ungewöhnlich, zumal die Regierung sichere, offizielle Kommunikationswege zur Verfügung hat. Unklar ist auch, ob Trumps Schwiegersohn die für seine Sicherheitsprüfung zuständigen Beamten über die Pläne informierte. Die beiden Treffen hatte Kushner erst später im Laufe der Prüfung angegeben.