Die türkische Polizei hat die Literaturdozentin Nuriye Gülmen und den Grundschullehrer Semih Özakca in ihren Wohnungen in Ankara festgenommen. Beide Akademiker hatten seit 75 Tagen mit einem Hungerstreik gegen ihre Entlassung aus dem Staatsdienst protestiert. Von ihrer Festnahme berichteten sie auf Twitter und bestätigten damit entsprechende Medienberichte.

"Nieder mit dem Faschismus! Lang lebe unser Hungerstreik-Widerstand! Wir wollen unsere Jobs zurück! Wir haben uns nicht ergeben und werden uns nicht ergeben", schrieb Gülmen auf Twitter. Dem Fernsehsender NTV zufolge versuchten die Anwälte der beiden sowie Özakcas Ehefrau Esra, die Festnahme zu verhindern. Am Ende seien jedoch auch sie selbst festgenommen worden.

Offiziell gab es bislang keine Begründung für diese Festnahmen. Einer der Anwälte, Selçuk Kozağaçlı, vermutet, dass die Behörden die Schaffung neuer Märtyrer für die Kritiker der Regierung verhindern wollen. "Die Aktion könnte zu einem Todesfasten werden", sagte Kozağaçlı der Zeitung Cumhuriyet. Auch der Abgeordnete Necati Yilmaz von der oppositionellen CHP schrieb auf Twitter, Gülmen und Özakcan seien festgenommen worden, weil "ihr Protest zu einem Todesfasten zu werden und neue Gezi-Proteste auszulösen drohte". Er bezog sich auf Proteste im Sommer 2013, als Demonstrationen gegen die geplante Bebauung des Istanbuler Gezi-Parks von der Regierung niedergeschlagen wurden.

Kritischer Gesundheitszustand

Sowohl Gülmen als auch Özakca waren in letzter Zeit stark geschwächt, ihr Gesundheitszustand ist kritisch. Seit mehr als zwei Monaten nehmen sie nur Wasser, Zucker, Salz und Vitamin B zu sich. Nach Angaben von Kozağaçlı haben beide angekündigt, in der Haft tatsächlich ein Todesfasten zu beginnen – also auch auf Wasser und Zucker zu verzichten –, sollten sie nicht bald freigelassen werden.

Die beiden Akademiker sind zwei von mehr als 100.000 türkischen Staatsbediensteten, die seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 per Notstandsdekret entlassen wurden. Ihnen werden Verbindungen zur Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen vorgeworfen, den die türkische Regierung für den Putschversuch verantwortlich macht. Auch zahlreiche Kurden, Linke und andere Regierungskritiker sind von den Kündigungen betroffen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nennt die Entlassungen in einem neuen Bericht "willkürlich". Sie forderte die rasche Einrichtung eines "effektiven Berufungsmechanismus'" für die Betroffenen. Eine entsprechende Kommission, deren Mitglieder nach monatelanger Verzögerung vergangene Woche ernannt worden waren, nannte Amnesty unzureichend.

Unterdessen haben die türkischen Behörden überraschend Teile des Szeneclubs Reina in Istanbul abreißen lassen. Der Club am Ufer des Bosporus war in der Silvesternacht Ziel eines Terroranschlags des Islamischen Staates geworden, 39 Menschen starben. Er gilt als Symbol der säkularen, städtischen Istanbuler Oberschicht. Die Abrissarbeiten in den frühen Morgenstunden sollen weniger als eine Stunde gedauert haben, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet. Grund für den Schritt seien angebliche Verstöße gegen Bauauflagen.