Noch bestünde die Möglichkeit, die Waffen niederzulegen, verkündete ein Sprecher der philippinischen Armee am Dienstag im Radio. Es war ein Aufruf der Verzweiflung. Seit mehr als einer Woche liefern sich Rebellen der IS-treuen Gruppe Maute in der Stadt Marawi im Süden der Philippinen offene Feuergefechte mit Soldaten und Polizisten. Hunderte Menschen sind dabei gestorben, viele davon Zivilisten. Zuletzt sei eine fünfköpfige Familie tot aufgefunden worden. Hingerichtet, sagte ein Sprecher der Provinz Lanao del Sur. Zahlreiche Leichen lägen auf den Straßen Marawis, Hunderttausende sind aus der Stadt geflohen. In den von den Maute-Kämpfern belagerten Stadtvierteln sitzen indessen Tausende Zivilisten fest.

Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte hatte angesichts dieser Zustände ein 60-tägiges Kriegsrecht über der Insel Mindanao und die gleichnamige Region verhängt und lässt IS-Stellungen mit Luftangriffen bombardieren. Er droht zudem damit, die Maßnahme auf das gesamte Land auszudehnen. Schließlich habe die Dschihadisten-Miliz inzwischen auch im Zentrum und im Norden des Archipels Fuß gefasst. Für viele Philippiner ist die Verhängung des Kriegsrechts ein problematischer Vorstoß: Zu eindrücklich sind die Erinnerungen an den Ex-Diktator Ferdinand Marcos. Der hatte das Kriegsrecht genutzt, um sich über ein Jahrzehnt an der Macht zu halten. Diese Zustände wünscht sich niemand zurück. Zahlreiche Abgeordnete forderten in einer öffentlichen Sitzung am Montag deswegen die Überprüfung der Notwendigkeit – erfolglos. Die Mehrheit der Parlamentarier sprach sich für Dutertes Maßnahme aus.

Inzwischen hat das Militär die Islamisten nach eigener Angabe weitgehend zurückgedrängt und die Kontrolle über Marawi wiedererlangt. Doch es steigen immer noch schwarze Rauchsäulen über der 200.000-Einwohner-Stadt auf. Die verbleibenden Stellungen werden erbittert gehalten. Derzeit versucht die Regierung vor allem, die Widerstandsnester zu isolieren. Polizeichef Ronald de la Rosa erklärte allerdings, dass die Extremisten ihre Verstecke schnell wechseln würden, um den Soldaten zu entkommen. Aber er sei sich sicher, "dass auch sie Menschen sind und müde werden."

Lange Zeit war Profitgier das Hauptmotiv

"Der Gewaltausbruch ist nicht neu, aber von neuer Qualität", sagt Felix Heiduk von der Deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik. Er forscht derzeit auf den Philippinen über dschihadistische Militanz. Lange Zeit hätten die Terroristen in erster Linie aus Profitgier gehandelt. Sie überfielen gezielt Ausländer und erpressten Lösegelder. Wiederholt wurden auch Deutsche zu ihren Opfern. Im Jahr 2000 hatten sie unter anderen eine Familie aus Göttingen verschleppt, 2014 entführten sie ein älteres Seglerpaar. In beiden Fällen kamen die Geiseln frei. Im Februar dieses Jahres wurde wieder ein älteres deutsches Seglerpaar entführt und nach erfolglosen Lösegeldverhandlungen getötet. Politiker und Militärs auf den Philippinen nannten die Täter daher vor allem Banditen.

Diese Rhetorik hat sich laut Heiduk nun geändert. Dass einfache Banditen solch großflächige Gefechte wie in Marawi austragen, erscheint vielen mittlerweile äußerst unwahrscheinlich. Sicherheitskreise vermuten eher eine länger geplante und koordinierte Attacke. Anlässlich eines Militärschlags gegen einen bedeutenden islamistischen Anführer könnte sie vorgezogen worden sein.

Die These würde zu Heiduks Forschung passen. Seiner Beobachtung nach haben die islamistischen Gruppen in den vergangenen Jahren ihre Strategie verändert. "Seit dem Schwur auf den IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi 2014 sind Entführungen stark zurückgegangen zugunsten von Bombenanschlägen und Angriffen auf Polizei und Militärs", sagt Heiduk. Die Gruppen würden sich koordinieren, um größere Anschläge zu verüben. Zwei der größten islamistischen Gruppen, Abu Sajaf und Ansar al-Khilafah Philippines, schlossen sich zum Beispiel im September 2016 zusammen und zündeten Sprengstoffbomben auf einen Nachtmarkt in Davao. Dabei starben 14 Menschen, über 70 wurden verletzt.

Verbindungen nach Syrien und militärische Taktiken

Diese Zusammenarbeit beschränkt sich nicht nur auf die Inselgruppe. Unter der Führung des ehemaligen Abu-Sajaf-Chefs Isnilon Hapilon versammeln sich auch Kämpfer aus Indonesien und Malaysia. Manche davon sind in Syrien und haben ihre Landsleute in einem Video dazu aufgerufen, sich Hapilon als Emir Südostasiens anzuschließen. In den aktuellen Gefechten sind nach Angaben des pilippinischen Militärchefs General Eduardo Año auch ausländische Extremisten getötet worden, darunter drei Malaysier, ein Indonesier und ein Araber.

Außerdem greifen IS-affine Gruppen zunehmend auf konventionelle militärische Taktiken wie die strategische Gebietsgewinnung und symbolische Machtdemonstrationen zurück. Im Frühjahr 2016 stürmten über hundert Islamisten einen militärischen Stützpunkt und töteten 16 philippinische Soldaten. Das Territorium beanspruchten sie daraufhin für sich. Im Herbst desselben Jahres nahmen rund 300 Kämpfer einer anderen islamistischen Gruppe vorübergehend die Kleinstadt Butig ein. Sie sperrten Zufahrtsstraßen, hissten die IS-Flagge auf dem Rathaus und lieferten sich einen offenen Stellungskampf mit philippinischen Streitkräften. Der aktuelle Gewaltausbruch reiht sich in diese Ereignisse ein. Auch diesmal haben die Kämpfer IS-Flaggen gehisst, strategisch wichtige Standorte wie das Krankenhaus eingenommen und Gebäude niedergebrannt.