Emmanuel Macron ist der neue Präsident Frankreichs. Er hat die Populistin Marine Le Pen eindrucksvoll besiegt. 

Der Populismus ist aber nicht geschlagen – schon alleine deshalb, weil Macron selbst ein Populist ist. Ein guter, möchte man sagen; einer, der nicht Angst, sondern Optimismus verbreitet; einer, dem man vertrauen will und soll. Sein Sieg ist eine sehr gute Nachricht.

Das ändert nichts an der Grundstruktur dieses Politikers und seines Erfolges. 

Auf den Trümmern der traditionellen Parteien

Macron ist auf den Trümmern der traditionellen Parteien entstanden. Es gibt ihn und seine Bewegung, ihn und sein Wahlvolk. Vermittelnde Instanzen gibt es so gut wie nicht. Bisher nicht. Man wird sehen, ob aus Macrons Bewegung En Marche! eine Partei entstehen wird. Doch vorerst ist er EIN Mann an der Spitze, umgeben von einem kleinen Zirkel von Beratern. In vielen Kommentaren steht recht beiläufig der Hinweis zu lesen, Macron sei das jüngste Staatsoberhaupt Frankreichs seit Napoleon Bonaparte. Das ist mehr als nur die Feststellung einer Tatsache. Der Bonapartismus ist als französische Spielart des Populismus in die Geschichte eingegangen. 

Es sollen hier keine Missverständnisse auftauchen. 

Ein Wahlsieg von Marine Le Pen wäre für Europa eine tödliche Gefahr gewesen. Für Le Pen ist die EU ein Völkergefängnis, das zerstört werden muss. Sie ist die antieuropäische Populistin par excellence, die wichtigste in einer ganzen Reihe von Agitatoren, die ihre Länder aus der EU führen wollen. Ihre Niederlage ist nun schon die dritte für die Gegner der EU. In Österreich verlor der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer im Dezember 2016 die Präsidentschaftswahlen, im März 2017 erzielte Geert Wilders in den Niederlanden nicht den erwarteten Erfolg. Die Welle des antieuropäischen Populismus scheint gebrochen.

Mit dem Wahlsieg Macrons kann die EU durchatmen. Er hat einen ausgesprochen proeuropäischen Wahlkampf geführt. Er hat sich zu Europa bekannt, wo andere hasenfüßig werden. Die EU hat nun etwas mehr Zeit und eine bessere Chance, die Bürger zu überzeugen.

Doch der Erfolg Macrons macht eben auch eine problematische Tatsache sichtbar: Wir leben in populistischen Zeiten.

Die Gründe dafür sind häufig benannt worden. Parteien, Kirchen, Gewerkschaften – alle traditionellen gesellschaftlichen Akteure haben ihre Bindekraft verloren. Die Digitalisierung der Gesellschaft beschleunigt den Prozess der Individualisierung und Personalisierung. Gleichzeitig werden immer mehr Menschen bedrängt, von Massenmigration, Arbeitslosigkeit und einem so schwer fassbaren Phänomen wie der Globalisierung.  

Sehnsucht nach Erlösung

Aus dieser Bedrängnis heraus wächst die Sehnsucht nach Erlösung. Erfolgreiche Politiker tragen mehr und mehr Züge von Wunderheilern. So war es vor mehr als acht Jahren bei Barack Obama, so ist es jetzt bei Emmanuel Macron.

Der "Heiler" Obama hat ein gespaltenes Amerika hinterlassen, und welches Frankreich wird Macron hinterlassen?   

Die Erwartungen sind hoch, entsprechend groß können die Enttäuschungen ausfallen. 

Populismus baut auf Gefühlen auf. Das macht ihn so mächtig, so fragil und so unberechenbar. Wer heute jubelt, der fällt morgen schon in die Depression. Wer heute außer sich vor Glück ist, kann morgen außer sich vor Wut sein. Das ist dann die Stunde von Marine Le Pen und ihresgleichen in Europa. Denn sie ist die Hohepriesterin des Zorns, der Depression und der Angst. Macron hat gewiss viele Gegner. Doch der schwerste ist ausgerechnet der, der ihn groß gemacht hat: die Hoffnung.