Das Wunder von Kilis – Seite 1

Ihre ersten Nächte in Kilis verbrachte sie im Park neben dem Krankenhaus. Das war 2012 und die Syrerin Nejla al-Sheikh war gerade vor den Bomben geflohen: erst von ihrer Heimatstadt Damaskus nach Aleppo, dann nach Aziz, schließlich nach Kilis. Ihr Mann, ihr Vater und ihr Onkel saßen in Baschar al-Assads Foltergefängnissen, ganz allein war sie mit ihrem Sohn über die türkische Grenze gekommen. Sie lag im Park im Gras und wartete auf ihren Jungen. Er wurde im Krankenhaus behandelt, weil ein Granatsplitter sein Auge verletzt hatte. Al-Sheikh hatte kein Geld, kein Essen, kein Zuhause.

"Der Anfang in Kilis war sehr hart", sagt Al-Sheikh heute. Aber er habe ihr auch eine große Chance geboten. Sie hat ein weitläufiges Büro im Zentrum von Kilis. "In Kilis kann man vieles schaffen, wenn man will", sagt sie und streicht sich über das Kopftuch. Denn Kilis ist ein kleines Wunder inmitten der Katastrophe.

Kilis ist die erste Stadt in der Türkei hinter der syrischen Grenze, der Grenzübergang ist nur fünf Kilometer entfernt. Vor dem Krieg in Syrien war Kilis eine unaufgeregte Kleinstadt. Doch dann kamen die Flüchtlinge, und immer mehr Flüchtlinge. Heute leben in Kilis 94.000 Türken und 135.000 Syrer, die meisten kommen aus dem rund 50 Kilometer entfernten Aleppo. Ihr Einfluss ist überall zu sehen: Viele Geschäfte tragen arabische Schriftzüge, in den engen Gassen hört man mehr Arabisch als Türkisch, überall wird Kaffee und Baklava aus Halep angeboten; Halep, das arabische Wort für Aleppo.

Die Bevölkerung von Kilis hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Und trotzdem gab es kein Chaos, die Lage ist nicht, wie auch im Rest der Türkei, außer Kontrolle geraten. Al-Sheikh sagt, das liege an der Gastfreundlichkeit der Türken; und am Fleiß der Syrer.

Nejla Al-Sheikh vor ihrem Büro © Andrea Backhaus

Al-Sheikh hatte Glück: Ein türkischer Vermieter überließ ihr eine Wohnung umsonst und gab ihr etwas Geld zum Start. Als sie 2012 durch die Straßen von Kilis lief, sah sie Dutzende alleinstehende Syrerinnen mit Kindern, deren Männer tot oder in Haft waren. Viele erzählten ihr, dass sie schneidern konnten. Al-Sheikh beschloss, das zu nutzen. Sie kaufte Stoffe und Schneiderwerkzeug, holte die Frauen zu sich nach Hause und begann mit ihnen zu nähen. Bald belieferten sie mit ihrer Kleidung die Nachbarschaft. Weil das Geschäft so gut lief, startete Al-Sheikh das Projekt Kareemat, das Wort bedeutet würdevolle, selbstbestimmte Frauen.

Heute treffen sich in einem restaurierten Altbau, den die Stadt zur Verfügung gestellt hat, rund um einen begrünten Innenhof fast 400 Frauen. Dort lernen sie Türkisch, geben Näh- und Kochkurse, entwerfen Kleidung und betreiben einen Catering-Service. "Das Einkommen ist für die Frauen existenziell", sagt Al-Sheikh. "Und durch ihre Unabhängigkeit werden sie selbstbewusster." Ein großer Erfolg.

Al-Sheikh wünscht sich, dass die meisten Syrerinnen eines Tages in der Türkei so selbstbestimmt leben könnten. Doch das ist ein weiter Weg. Auch wenn die Türkei im Umgang mit den Flüchtlingen vieles richtig gemacht hat.

Lager mit Internet und Sprachkursen

Drei Millionen Syrer leben in der Türkei. Für die ersten hatte die Katastrophenschutzbehörde AFAD nach Kriegsbeginn 21 gewaltige Lager hochgezogen, die von der türkischen Regierung unterhalten werden. Im Vergleich zu Flüchtlingslagern im Irak oder in Jordanien sind die türkischen sehr gut ausgestattet, wie ein Besuch im Lager Elbeyli zeigt.

Gleich hinter dem Lager Elbeyli beginnt Syrien. © Andrea Backhaus

Das Lager in Elbeyli liegt umgeben von Pistazienbäumen und grünen Hügeln in etwa 15 Minuten Autoentfernung von Kilis, die ersten Dörfer hinter der Umzäunung gehören zu Syrien. 20.000 Menschen leben hier in 3.592 Containern. Trotz der Größe wirkt das Lager sehr geordnet. Das Lager ist eine kleine Stadt: Es gibt ein Krankenhaus, fünf Schulen, zwei Moscheen, Friseure, einen Markt und Spielplätze. Die Versorgung der Flüchtlinge ist tadellos: Sie bekommen Essen, Krankenversorgung, Internet, psychologische Betreuung, Ausbildungsprogramme und Türkisch-Sprachkurse – alles kostenlos. 

Doch nur ein Bruchteil der Syrer in der Türkei, also 252.000 Menschen, lebt in den Lagern. Zum einen sind diese nicht groß genug, um noch mehr Menschen aufzunehmen. Zum anderen kann die Unterbringung in einem Lager immer nur eine vorübergehende Lösung sein. Autonomes Leben ist dort nicht möglich. Einige Syrer seien deshalb, so hört man hier, wieder nach Syrien zurückgegangen.

Ein Kleiderladen im Lager Elbeyli © Andrea Backhaus

Für die Syrer außerhalb der Lager ist das Leben härter. In Städten wie Kilis leben sie in kleinen, spärlich eingerichteten Wohnungen. Vor allem am Anfang gab es Probleme: Die Syrer konnten Läden aufmachen, aber kein Bankkonto eröffnen. Viele waren illegal beschäftigt, weil es offiziell keine Arbeitserlaubnis gab. Seit Anfang 2016 dürfen Syrer zwar legal in der Türkei arbeiten, doch viele Türken stellen lieber Syrer ohne Genehmigung ein, damit sie niedrige Löhne zahlen können und die Arbeiter nicht versichern müssen. Das treibt viele Syrer in die Armut, denn das Leben in der Türkei ist teuer. Zugleich führt das zu Unmut bei türkischen Arbeitnehmern, die beklagen, die Syrer würden ihnen die Stellen wegnehmen, weil sie für Dumpinglöhne arbeiteten. 

Die Syrer kämpfen mit den vielen Regularien des türkischen Systems: Sie werden nicht als Flüchtlinge durch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) registriert, sondern stehen unter dem temporären Schutz der türkischen Regierung. Mit ihrem Ausweis, Kimlik genannt, haben sie zwar kostenlosen Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung, müssen aber an dem Ort bleiben, an dem sie registriert sind, reisen dürfen sie nur mit besonderer Erlaubnis.

Die Syrer in der Türkei lebten in ständiger Angst, etwas falsch zu machen und unbewusst gegen Regeln zu verstoßen, sagt Soner Tekdemir vom Citizens Assembly Kilis Project, einer türkischen Organisation, die Syrer in Kilis psychologisch betreut. Auch fühlten sie sich von den türkischen Behörden kontrolliert. Doch auch Tekdemir sagt: "Einen wirklichen Konflikt zwischen den Syrern und Türken gibt es nicht."

"Wegen Raketeneinschlags geschlossen"

Dabei gab es einmal einen Punkt, an dem die Stimmung in Kilis hätte kippen können. Es war vor einem Jahr, als die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) von der syrischen Seite aus Dutzende Raketen auf Kilis feuerte. Der IS wollte sich für die türkische Unterstützung der Rebellen rächen. Die Türkei gehört zu den Gegnern des syrischen Staatschefs Baschar al-Assad, der von Russland und Iran unterstützt wird. Die IS-Granaten schlugen in Schulen und Wohnhäuser ein, an mit Brettern verbarrikadierten Läden waren Schilder angebracht, auf denen stand: Wegen Raketeneinschlags geschlossen. Angela Merkel musste ihren Besuch in die Nachbarprovinz Gaziantep verlegen, weil in Kilis Raketen eingeschlagen waren. Die Angst sei überall spürbar gewesen, sagen viele hier. Einige Türken beschuldigten die Syrer, die Gewalt mitgebracht zu haben, einige schrien ihre syrischen Nachbarn an, sie sollten in ihre Heimat zurückgehen.

Die Politik der offenen Grenzen ist vorbei

Dass heute keine Raketen mehr über die Grenze fliegen, liegt vor allem an der Operation Schutzschild Euphrat. Das türkische Militär hat mit Hilfe von Rebellen den IS im syrischen Grenzstreifen vertrieben, der Einsatz begann im August 2016. Ein Teil der syrischen Grenzregion wird nun vom türkischen Militär und verbündeten Rebellen kontrolliert, ein anderer von kurdischen Milizen.

Allerdings könnte das zu neuen Konflikten zwischen diesen beiden Gruppen führen. Denn die Türkei rüstet im Kampf gegen den IS auf, auch um den Einfluss kurdischer Gruppen zu begrenzen. Eine Zusammenarbeit mit der syrisch-kurdischen PYD, die eng mit der türkisch-kurdischen PKK verbunden ist, ist für die türkische Regierung ausgeschlossen. Die USA wiederum betrachten die Kurdenmilizen als effektivste Kämpfer gegen den IS. Zu Ankaras Missfallen will US-Präsident Trump die Kurden mit Waffen stärken, um Rakka, die inoffizielle Hauptstadt des IS, zu erobern.

Seit einigen Monaten also hat die Türkei ihre 911 Kilometer lange Grenze zu Syrien abgeriegelt. Zuvor hatte Europa die Türkei für deren nachlässige Grenzkontrollen kritisiert. Damit hätten Dschihadisten aus Syrien in die Türkei und dann nach Europa einreisen können, lautete der Vorwurf. Tatsächlich hat die Türkei selbst ein Problem mit dem islamistischen Terror. Der IS hat wiederholt Anschläge in der Südost-Türkei verübt. Um die Dschihadisten und auch Schmuggler abzuhalten, hat die Türkei entlang der Grenze eine knapp 550 Kilometer lange Mauer errichtet.

Menschenrechtler kritisieren den Bau, weil auch Schutzsuchende aus Syrien an der Flucht in die Türkei gehindert werden. Hilfsorganisationen schätzen, dass eine halbe Million Menschen auf syrischer Seite im Grenzgebiet ausharren. Die Lager auf der syrischen Seite der Grenze sind überfüllt, Nahrung wird knapp. Deshalb bringen die türkische Regierung und internationale Organisationen jetzt Hilfsgüter über die Grenze. Doch in die Türkei dürfen nur noch Kranke und Schwerverletzte einreisen. Die Politik der offenen Grenzen ist vorbei.

Checkpoints, Polizisten, Armeewagen

Immer wieder gibt es Berichte über türkische Grenzsoldaten, die auf Menschen schießen, die dennoch die Überquerung wagen. Menschenrechtsaktivisten sind sicher, dass es der Türkei neben der Sicherheit um etwas anderes gehe. Da die Wirtschaft schwächelt und die Arbeitslosigkeit mit zwölf Prozent so hoch ist wie lange nicht, habe Erdoğan kein Interesse daran, weitere Flüchtlinge ins Land zu lassen.

Die Grenznähe lässt sich auch in Kilis nicht vergessen, Anspannung ist überall spürbar. Wer von Elbeyli oder Gaziantep nach Kilis fährt, muss Checkpoints passieren, im Stadtzentrum patrouillieren Polizisten und Geheimpolizisten, Armeewagen parken am Straßenrand.

Wenn Syrer und Türken Kollegen werden

Dass die Einwohner trotzdem friedlich zusammenleben, dazu tragen auch Projekten wie Kareemat bei. Und Leute wie Hasan Kara, der Bürgermeister von Kilis. Er empfängt in seinem Amtssitz, Teppich, schwere Polsterstühle, die türkische Fahne hinter ihm, draußen wachen Leibwächter. Kara war jahrelang Parlamentarier der regierenden AKP, bevor er vor drei Jahren Bürgermeister wurde.

"Wir Türken tragen das ganze Gewicht"

"Der soziale Frieden ist unsere wichtigste Prämisse", sagt Kara. Seine Gemeinde habe keine andere Wahl gehabt, als die Syrer aufzunehmen. "Umso wichtiger ist es, sich auch um die Einheimischen zu kümmern, die die Neuankömmlinge aufnehmen."

Deswegen hat Kara Projekte initiiert, bei denen neben Syrern auch Türken angestellt wurden. Er hat in die Infrastruktur investiert: Er ließ neue Wasseraufbereitungsanlagen bauen, alte Häuser sanieren, die Müllversorgung erweitern. Die Ausgaben für die Versorgung der Stadt hätten sich dadurch verdoppelt, sagt er. Man würde deshalb vielleicht Konflikte erwarten, "aber Kilis ist anders".

Kara ist jemand, der sich und seine Stadt gut zu verkaufen weiß. Überall in Kilis hängen seine Plakate, er ist oft in Europa unterwegs, um für seine Arbeit zu werben. Er spricht viel von Mitmenschlichkeit und humanitärer Pflicht, davon, dass er froh sei, dass die Syrer in der Grenzregion blieben.

Doch er möchte auch etwas loswerden. Die Europäer machten es sich zu leicht, wenn sie versuchten, die Syrer in der Türkei zu lassen und die eigenen Grenzen abzuriegeln. "Wir Türken tragen das ganze Gewicht", sagt Kara. Die Syrien-Krise sei nicht allein das Problem der Türkei, sondern das der ganzen Welt. Die Türkei wolle die Syrer nicht nach Europa schicken, sagt er. Immerhin hätten sie hier, so nah an Syrien, eine größere Chance, irgendwann zurück in ihre Heimat zu gehen. "Aber wenn das so bleiben soll, brauchen wir mehr Unterstützung." 

Während die Türkei zurecht für ihr repressives Vorgehen gegen Aktivisten, Oppositionelle und Journalisten kritisiert wird, bleibt das, was sie bei der Flüchtlingshilfe leistet, bemerkenswert. Ein Miteinander wie in Kilis wäre in Europa kaum vorstellbar.

Turkan ist vor vier Jahren aus Aleppo nach Kilis geflohen. Sie arbeitet als Übersetzerin und Näherin. "Ich mag es in Kilis", sagt sie, "die Menschen sind so nett." © Andrea Backhaus

Dass sich viele Syrer in Kilis heimisch fühlen, sieht man im Ort. Syrische Frauen unterhalten sich mit den türkischen Nachbarn auf der Straße, ihre Kinder toben um sie herum. In den fünf Sozialzentren, die von der Stadt finanziert werden, gibt es Türkisch- und Arabisch-Unterricht, Türkinnen und Syrerinnen lernen gemeinsam Handarbeit und den Umgang mit Computern, alles kostenlos. Eine Türkin aus Kilis schwärmt, die Syrerinnen seien "wie Schwestern".

"In Kilis kann ich die syrischen Frauen stärken", sagt Al-Sheikh lächelnd. Das syrische Regime unter Hafez al-Assad und dessen Sohn Baschar hätte die Frauen jahrzehntelang kleingehalten. Es habe die Frauen bewusst von der Bildung ferngehalten, viele hätten keine Ausbildung und nie gearbeitet. "In der Türkei können wir das ändern", sagt sie. "Hier können wir noch mal ganz neu beginnen."