Vielleicht ist es ein frühes Versprechen, das die Republikaner gerade jetzt zu Donald Trump halten lässt. Wiederholt stellte er als Präsidentschaftskandidat dem konservativen Kern der Parteibasis im Wahlkampf in Aussicht, "starke und prinzipientreue Juristen zu berufen, die die verfassungsrechtlichen Grenzen der Regierung sicherstellen". Das Versprechen zahlte sich damals aus: Für fast ein Drittel seiner Wähler war die Aussicht auf parteitreue Richter im Wahlkampf der ausschlaggebende Grund, warum sie dem Außenseiter aus New York am Wahltag trotz aller Zweifel ihre Stimme gaben. "Präsident Trump wäre ohne dieses Versprechen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht im Oval Office", urteilte das einflussreiche konservative Magazin Washington Examiner, auf das vor allem in den politischen Zirkeln der Hauptstadt viele hören.

Jetzt ist Trump dabei, das Versprechen einzulösen. Doch während die Berufung von Neil Gorsuch an den Obersten Gerichtshof dank des vorausgehenden politischen Schauspiels die ungeteilte Aufmerksamkeit von Medien und Politik genoss, hat die zweite Nominierungswelle unter dem neuen Präsidenten bislang weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit begonnen. Vor gut einer Woche nannte Trump erstmals eine Reihe von Namen, die in den kommenden Monaten die leeren Plätze an zahlreichen Bundesgerichten füllen sollen. Weitere Kandidaten, versprach der Präsident, würden im Monatstakt folgen. Die Richter, die er ins Spiel brachte, sind allesamt Favoriten der Konservativen – und von mächtigen parteinahen Organisationen wie der Federalist Society und der Heritage Foundation abgesegnet.

Die Auswirkungen der Nominierungen könnten langfristig bedeutender sein als die Ernennung von Neil Gorsuch, mahnen Beobachter. Der Großteil der Gerichtsfälle im Land werde vor Richtern an Bundesgerichten entschieden, nur ein Bruchteil lande tatsächlich vor dem Obersten Gerichtshof in Washington, sagt Jonathan Nash, Rechtsprofessor an der Emory University School of Law. Selbst wenn die Richter am Supreme Court sich eines Rechtsstreits annehmen, bis zu einer Entscheidung könne viel Zeit vergehen, "und bis dahin gilt das Urteil des zuständigen Bundesrichters". Die 673 Juristen an den Bundesgerichten entscheiden so de facto über die Rechte von Wählern, den Schutz von Minderheiten oder Auflagen für Unternehmen. Auch der Streit darum, wie die Wahlbezirke im Land aufgeteilt werden, wird derzeit von Demokraten und Republikanern vor Bundesgerichten ausgetragen. Wo ein Wahlkreis anfängt und ein anderer aufhört, kann die Stimmenverteilung erheblich verzerren – und so im Zweifel darüber entscheiden, welche Partei am Wahltag die Oberhand behält.

Mit seinen Ernennungen könnte Trump das Gewicht in zahlreichen Bezirken, in denen bislang demokratische Kandidaten die Mehrheit haben, bis 2020 zugunsten der Konservativen verschieben. Schon jetzt sind mehr als 100 Stellen entweder offen oder werden frei, weil die dortigen Richter angekündigt haben, bald in den Ruhestand zu wechseln. Es gilt als sicher, dass im Laufe der kommenden vier Jahre weitere hinzukommen. "Trump hat eine überproportional große Gelegenheit, die Rechtsprechung im Land über Jahrzehnte zu formen", sagt Laurie Kinney von der liberalen Alliance for Justice, die sich für eine ausgewogene Rechtsprechung einsetzt. Organisationen wie ihre sind alarmiert.

Dass die Zahl der offenen Stellen derart groß ist, ist die Folge eines zunehmend erbitterten Streits um die Besetzung der Posten. Während der Obama-Jahre hatte es nur eine Handvoll Kandidaten des demokratischen Präsidenten durch den Senat geschafft. Die Republikaner hätten die Nominierungen von Obama "pauschal abgelehnt", sagt Kinney. "Ein Großteil der jetzt offenen Stellen hätte eigentlich mit demokratischen Kandidaten besetzt sein müssen." Dass sich der Kampf um die Gerichte in den vergangenen Jahren derart zugespitzt hat, ist auch eine Folge der verhärteten Fronten im Kongress. "Weil Washington nicht mehr entscheidet, wenden sich die Menschen vermehrt an die Gerichte, um Entscheidungen zu bekommen", sagt der Rechtsexperte Nash. Die Rolle der Richter habe deshalb an Bedeutung gewonnen.