Die guten Schlagzeilen und schönen Bilder sind ihm auch diesmal sicher. Ausführlich berichtete etwa das staatliche Nachrichtenportal Al-Ahram am Montagabend vom Auftakt des zweitägigen Berlin-Besuchs des ägyptischen Staatschefs. Mit seiner Rede auf der G20-Afrika-Partnerschaftskonferenz sei es Abdel Fattah al-Sissi gelungen, die "Bandbreite der Investitionsmöglichkeiten in Ägypten" hervorzuheben und den Gastgeber Deutschland "zu ermutigen, noch mehr in die ägyptische Wirtschaft zu investieren". Und auf den internationalen Nachrichtenportalen kursieren Fotos, die Sissi mal mit der strahlenden deutschen Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries, mal in einer Reihe mit Kanzlerin Angela Merkel und der IWF-Chefin Christine Lagarde zeigen.

Die Berichte aus Berlin signalisieren einmal mehr: Sissi hat es geschafft. Er ist auf der internationalen Bühne angekommen.

Erst haben sich nach und nach die Staatschefs von Italien, Frankreich, Großbritannien mit Sissi getroffen, auch Bundeskanzlerin Merkel ist kürzlich erst an den Nil gereist. Nun wird Sissi als gleichberechtigter Partner empfangen, als jemand, der den Europäern helfen soll, Migranten von ihrer Flucht über das Mittelmeer Richtung Europa zu stoppen. Das ist beunruhigend – und gefährlich.

Zur Erinnerung: Seit Sissi den Muslimbruder Mohammed Mursi 2013 aus dem Amt geputscht hat, regiert er sein Land autokratisch. Er lässt Aktivisten und kritische Journalisten verfolgen, Proteste brutal niederschlagen, Menschenrechtsorganisationen schließen. Zehntausende Oppositionelle wurden verhaftet, Hunderte gelten bis heute als verschwunden. Die Meinungsfreiheit wird laufend durch neue, zunehmend repressive Gesetzt eingeschränkt, eine unabhängige Arbeit von zivilgesellschaftlichen Einrichtungen ist unmöglich. Kurz: Die Menschenrechtslage in Ägypten könnte desaströser kaum sein.

Dennoch sind es gute Zeiten für einen Despoten wie Sissi. In dem neuen US-Präsidenten Donald Trump hat er einen treu ergebenen Freund und Unterstützer gefunden, der ihm nur zu gern Komplimente macht, zu seinen Schuhen etwa, wie jüngst auf dem Gipfel im saudischen Riad ("Love your shoes. Boy, those shoes, man"). Kritik an seinem autoritären Regierungsstil wie noch unter Trumps Vorgänger Barack Obama braucht Sissi nicht mehr zu fürchten.

Die Legitimierung einer Autokratie

Doch nicht nur Trump scheint Sissi freies Geleit zu geben. Auch die Deutschen, die sonst so gerne auf moralische Integrität, auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit pochen, sehen dem einstigen Feldmarschall immer mehr nach. Mehr noch: Indem sie immer neue Wirtschaftsdeals mit ihm abschließen, bekräftigen sie Sissi in seiner Herrschaftsweise. Auch dann, wenn sie ihm, wie nun in Berlin, erneut ein Podium bieten

Auf der G20-Afrika-Partnerschaftskonferenz will Deutschland die G20-Staaten dazu anhalten, mehr in Afrika zu investieren. Damit sollen vor allem für die Jungen Perspektiven geschaffen werden, damit sie künftig nicht mehr mit Schlepperbooten nach Europa kommen. Afrikanische Staaten, die gewisse Voraussetzungen erfüllen (keine Korruption, Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte), können also auf millionenschwere Hilfe aus Deutschland hoffen. Freilich zeigt auch Ägyptens Staatschef großes Interesse, bei dieser Gruppe der Partnerländer dabei zu sein. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) redet sich das trotzdem weiter ein. Nach einem Gespräch mit Sissi sagte Müller, er sei optimistisch, dass auch Ägypten in einigen Monaten mitziehen werde. Voraussetzung dafür sei allerdings die Einhaltung bestimmter Standards, auch in Hinblick auf die Menschenrechte, fügte Müller noch schnell hinzu.

Wie Ägypten auch nur eines der Kriterien in nur wenigen Monaten einlösen soll, bleibt ein Rätsel. Stattdessen wird einmal mehr klar, dass die Bundesregierung Sissi als Wirtschaftspartner und Stabilitätsgaranten sehen will. Und das, obwohl beide Einschätzungen falscher nicht sein könnten.

Gewalt und Terror gehören zum Alltag

Zum einen ist die wirtschaftliche Lage in Ägypten verheerend. Die Arbeitslosigkeit ist hoch wie nie, gerade die jungen Ägypter leiden unter fehlenden Perspektiven. Die Lebensmittelpreise sind enorm gestiegen, immer mehr Ägypter leben in großer Armut. Von dem Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds, der eigentlich Ägyptens Wirtschaft stabilisieren soll, profitiert vor allem die Elite. Statt in das Bildungssystem und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu investieren, prahlt Sissi mit seinen Megaprojekten, die angeblich "erfolgversprechende Investitionen in die Zukunft Ägyptens" darstellten. Tatsächlich kosten der Ausbau des Sueskanals und der Bau einer neuen Hauptstadt zwar Unsummen, dienen vor allem aber dazu, dem selbstherrlichen Präsidenten ein Denkmal zu setzen.

Zum anderen ist Sissi alles andere als ein Garant für Stabilität. Auf ihn im sogenannten Antiterrorkampf zu setzen ist, freundlich gesagt, kurzsichtig, sind doch viele Probleme in Ägypten hausgemacht: Im Sinai hat der IS immer größere Teile unter seiner Kontrolle, auch andere extremistische Gruppen erhalten beständig Zulauf. Anschläge auf Christen häufen sich, Gewalt und Terror gehören zum Alltag. Ein wichtiger Grund dafür ist Sissis Politik der gesellschaftlichen Spaltung: Wer sein Militär nicht unterstützt, gilt als Staatsfeind und wird in den Untergrund gedrängt, wie die Muslimbrüder etwa. Damit produziert Sissis "Kampf gegen den Terror" noch mehr Hass und Gewalt.

Weder Folter noch politische Verfolgung sind akzeptabel

Doch das alles scheint die Bundesregierung nicht zu stören. Nach dem Sissi sich an die Macht geputscht hatte, reduzierte Deutschland den Kontakt zwar zunächst. Man rang um den richtigen Umgang mit dem einstigen Feldmarschall, vermied offizielle Reisen nach Ägypten. Doch sukzessive hat sich die Beziehung zu Sissis Militärregierung normalisiert, vor allem über lukrative Wirtschaftsabkommen. Siemens hat einen milliardenschweren Deal mit Ägypten abgeschlossen, um drei erdgasbefeuerte Kraftwerke und bis zu zwölf Windparks zu errichten. Und ThyssenKrupp stattet Ägypten neuerdings mit U-Booten aus. Zudem wurde jüngst ein neues bilaterales Sicherheitsabkommen abgeschlossen und die Zusammenarbeit bei der Migrationskontrolle im Mittelmeer ausgeweitet. 

Die Deutschen brauchen Ägypten – und Sissi weiß das. Doch statt die Verhandlungen mit ihm an Bedingungen zu knüpfen, etwa klar darauf zu verweisen, dass die Meinungsfreiheit in Ägypten garantiert werden muss, es weder Folter noch politische Verfolgung geben darf, macht man sich zum Komplizen eines Mannes, der jegliches Demokratieverständnis vermissen lässt.

Wie sicher sich Sissi gerade fühlt, zeigte er, als er jüngst ein lange auch wegen deutscher Kritik zurückgehaltenes Gesetz verabschiedet hat, das es für Nichtregierungsorganisationen nahezu unmöglich macht, legal zu arbeiten. Auch ließ er 64 Onlineseiten schließen, darunter Mada Masr, das letzte noch von unabhängigen Journalisten betriebene Nachrichtenportal. Die Lage für die Zivilgesellschaft in Ägypten wird mit jedem Tag prekärer. Und jedes weitere schöne Bild befördert diese Entwicklung.