ZEIT ONLINE: Herr Barwari, unterstützt von der US-Luftwaffe rücken Soldaten der irakischen Armee immer weiter in Mossul vor. Dort kontrollieren noch einige Hundert IS-Kämpfer nicht mehr als zehn Prozent der Stadt. Warum verläuft der Kampf trotzdem so zäh?

Dlovan Barwari:Die Mossul-Offensive läuft seit Oktober 2016. Der Tigris teilt die Stadt in zwei Teile, weshalb die Offensive in zwei Phasen verläuft: Erst wurde der IS aus dem Ostteil vertrieben, nun geht es um die Rückeroberung von West-Mossul. In zwei Vierteln wird noch gekämpft, danach steht der schwierige Kampf um die Altstadt bevor. Die irakische Armee kann dort wegen der vielen engen Gassen nicht mit Fahrzeugen vorrücken, sondern muss sich Haus für Haus vorkämpfen.

ZEIT ONLINE: Auch in der nordsyrischen Stadt Rakka gibt es eine Offensive, um den IS zu vertreiben. Gibt es eine gemeinsame Strategie?

Barwari: In militärischer Hinsicht schon. Die Anti-IS-Koalition versucht zu verhindern, dass die IS-Kämpfer von Mossul nach Rakka oder von Rakka nach Mossul weiterziehen und den Kampf jeweils noch erschweren. Deswegen haben beide Offensiven zur gleichen Zeit begonnen und nicht nacheinander. Der IS soll in Rakka und Mossul gleichzeitig eingekesselt werden. Bei der Rakka-Offensive ging es bisher vor allem darum, zu verhindern, dass die verbliebenen IS-Kämpfer nach Mossul weiterziehen. Erst wenn Mossul zurückerobert wurde, wird der richtige Sturm auf Rakka beginnen.


ZEIT ONLINE: Gibt es auch eine gemeinsame politische Strategie?

Barwari: Nicht wirklich. In Syrien kämpfen Einheiten des kurdisch-arabischen Bündnisses SDF mit Unterstützung der US-Koalition gegen den IS. Und schiitische Milizen kämpfen mit dem Assad-Regime gegen die von den USA unterstützten kurdischen Milizen. In Syrien gibt es einige Kurden, die gegen Baschar al-Assad kämpfen, und andere, die gegen die Türkei kämpfen. Es gibt dort die Schiiten, die vom Iran gestützt werden, außerdem die Russen, die Türken und die von den USA gestützten Milizen. In Syrien ist die Lage also viel komplizierter als im Irak. Aber man kann sagen: Die Gruppe, die sich jetzt beim Kampf um Mossul einen großen Einflussbereich sichern kann, wird künftig auch in Syrien viel Einfluss haben.

ZEIT ONLINE: Im Irak kämpft ein Bündnis aus irakischer Armee, schiitischen Milizen und kurdischen Peschmerga-Kämpfern mit Unterstützung der amerikanischen Luftwaffe gegen den IS.

Barwari: Ja, und es herrscht schon jetzt ein Kampf zwischen diesen Gruppen. Bei den schiitischen Milizen gibt es zwei Fraktionen: Die Haschd al-Shaabi werden vom Iran unterstützt, andere stehen unter Kontrolle von Ali Sistani, dem geistlichen Oberhaupt der Schiiten im Irak. Die Gruppe um Sistani will die Milizen von Haschd al-Shaabi verdrängen, weil diese versuchen, einen Durchgang vom Iran durch den Irak nach Syrien zu schlagen. Die schiitischen Milizen wollen den Weg nach Syrien kontrollieren. Deswegen haben sie  einen Ring um Mossul gezogen, damit keine IS-Kämpfer fliehen können. Das wiederum ist ein Problem für die irakische Armee, weil es bedeutet, dass die IS-Kämpfer nun bis zum bitteren Ende kämpfen werden. Sie haben dadurch nichts mehr zu verlieren.

Hunderttausende sind aus Mossul geflohen.

ZEIT ONLINE: Die Dschihadisten haben sich im Westteil Mossuls verschanzt. Dort sollen noch knapp 200.000 Zivilisten eingeschlossen sein, ihre Lage ist dramatisch.

Barwari: Die IS-Kämpfer versuchen, die Menschen, die aus Mossul fliehen wollen, mit aller Brutalität aufzuhalten. Sie haben Dutzende Zivilisten umgebracht, auch benutzen sie Menschen als Schutzschilde. Das macht die Kämpfe so brutal. Das große Problem ist, dass niemand weiß, wie es im Irak weitergeht. Mossul wird in wenigen Wochen befreit sein. Doch für die Zeit danach gibt es keinen Plan, weder für die Verwaltung noch für die Sicherheitsfragen oder den Wiederaufbau.

ZEIT ONLINE: Es gibt keinerlei langfristige Strategie für Mossul?

Barwari: Nein. Und wie problematisch das ist, konnte man an der Lage der vielen Vertriebenen sehen. Hunderttausende Menschen sind bereits aus Mossul geflohen, Zehntausende werden noch aus dem Westteil fliehen. Niemand war auf sie vorbereitet. Die Offensive wurde begonnen, ohne dass darüber nachgedacht wurde, was mit den vielen Menschen passieren soll, die vor den Kämpfen fliehen würden. Sie leben in provisorischen Lagern oder leerstehenden Häuser, haben nicht genug Essen und Wasser.

ZEIT ONLINE: Gibt es Pläne vonseiten der US-geführten Koalition?