Chinas außenpolitisch bislang sehr zurückhaltende Politelite müsste zur Zeit vor Selbstbewusstsein geradezu strotzen. Und das aus einzig und allein einem Grund: Donald Trump. Der US-Präsident öffnet international politische Leerstellen, bei denen man sich nur schwer vorstellen kann, dass Peking diese nicht irgendwie zu füllen gedenkt. 

Trump schürt Zweifel an Amerikas Nato-Verlässlichkeit, er teilt kräftig Breitseiten gegen Deutschland und seine Exportstärke aus und will das Pariser Klimaabkommen verlassen. Zuvor hatte Trump bereits ein von Obama ausgehandeltes Handelsabkommen für die Pazifikregion aufgekündigt, womit er die US-Partner in Südost- und Ostasien kräftig vor den Kopf schlug.

Besser hätte es für Chinas Parteistrategen nicht kommen können. Nach anfänglicher Verunsicherung über Trumps unberechenbare, von Rüpeligkeiten begleitete Außenpolitik, die unter seinem innenpolitischen Credo "America first" steht, hat man in Peking schnell die Chancen erkannt, die sich aus der Politik des US-Präsidenten ergeben. So preiste Chinas Staatschef Xi Jinping im Januar vor der Wirtschaftselite in Davos sein Land als Garanten des Freihandels – was bei den Zuhörern gut ankam.

Deutschland ist dabei für Peking von besonderem Interesse. Daher wird auch Kanzlerin Merkels jüngste Äußerung, wonach sie sich auf die USA nicht mehr völlig verlassen könne, in Peking aufmerksam registriert worden sein. Berlin hat politisches Gewicht in Europa und Deutschlands klein- und mittelständische Technologieunternehmen, die in ihren Sparten oft zu den Weltmarktführern gehören, würde man in China auch gern haben. So gesehen kam der Besuch von Chinas Premier Li Keqiang in Berlin und in Brüssel für Peking zu einem günstigen Zeitpunkt.

Seit Trump hat es von chinesischer Seite eine vielschichtige Charmeoffensive gegenüber Deutschland gegeben. Wechselseitig betonte Offenheit und Freundlichkeit in den jüngsten chinesisch-deutschen diplomatischen Begegnungen seien bemerkenswert, stellt Sebastian Heilmann vom Berliner China-Thinktank Merics fest.

Ein Signal an Washington

Und weil Klimaschutz und Handel genau die Felder sind, in denen der US-Präsident besonders isolationistisch auftritt, haben Merkel und Li am Donnerstag – ohne Trumps Pläne zu erwähnen – die enge Zusammenarbeit der beiden Exportnationen in diesen Feldern betont. In Brüssel werden diese Fragen erneut im Zentrum stehen.

Wenden sich die Bundesregierung und Brüssel also von Trumps USA in Richtung China ab? Entsteht eine neue strategische und wirtschaftliche Achse zwischen China und der EU? Immerhin ist China im vergangenen Jahr mit einem Warenaustausch von rund 170 Milliarden Euro zu Deutschlands wichtigstem Handelspartner noch vor Frankreich und den USA aufgerückt (allerdings wiederum hinter der EU). China ist zudem stark an deutscher und europäischer Technologie interessiert und zielt mit der Idee für einen transkontinentalen Wirtschaftsraum, der Neuen Seidenstraße, nach Zentralasien und Europa.

Nun will die Führung in Peking zwar in Trump-Lücken vorstoßen, andererseits sind aber die Li-Merkel-Gipfelerklärung oder die Aussage der Bundeskanzlerin zur Verlässlichkeit Trumps erst mal Signale an Washington und keine Abkehr. Merkel gilt als Transatlantikerin und hat sich etwa vor der Unionsfraktion gerade eindeutig zur Partnerschaft mit den USA bekannt. Auf der anderen Seite ist das Verhältnis Deutschlands (und der EU) zur VR China alles andere als friktionsfrei.