Als Emmanuel Macron das erste Mal nach seiner Wahl zum französischen Präsidenten nach Deutschland flog, empfing Sigmar Gabriel ihn schon auf der Landebahn des Flughafens Berlin Tegel. Der Vizekanzler wollte ihn als Allererster begrüßen. Gabriel hat ja gelegentlich ein Gespür für politisch cleveres Timing, er wusste wohl, dass dieser Franzose auch mit seiner neuen Partei das Parlament erobern wird. Macron hielt sich allerdings nicht lange auf, fuhr gleich weiter zu Angela Merkel. Für ihren derzeit wichtigsten Kollegen in der EU nahm die Kanzlerin sich dann mehrere Stunden Zeit. Es gab viel zu besprechen. Zum Beispiel Zukunftspläne für die EU, die bis vor einigen Monaten noch als undenkbar galten.

Macron sei "the right man at the right time", schrieb der Economist kürzlich in einem Porträt über den französischen Präsidenten. Irgendwie habe der 39-jährige es innerhalb historisch kurzer Zeit hinbekommen, die Franzosen von der Möglichkeit des Fortschritts zu überzeugen. Und irgendwie scheint er genau das auch auf europäischer Bühne zu versuchen. Noch vor dem gemeinsamen Abendessen sprachen er und Merkel über ein eigenes Budget für die Eurozone. Die bodenständige Merkel nahm, angetrieben vom Reformwillen des Franzosen, sogar das V-Wort in den Mund: Wenn es erforderlich sei, so Merkel, dann sei sie auch zu Änderungen an den EU-Verträgen bereit. Die Angst vor Volksbefragungen in einigen EU-Ländern, die das bedeuten würde, scheint verflogen.

Nach Jahren im Krisenmodus, in der die EU aus Angst vor Wahlerfolgen europafeindlicher Rechtspopulisten im Stillstand verharrte, eröffnet sich mit Merkel und Macron nun eine neue Chance. Die Kanzlerin und der französische Präsident verkörpern im Sommer 2017 gemeinsam die Hoffnung auf eine Weiterentwicklung der Europäischen Union. Wenn aus Deutschland und Frankreich Merkcron wird, kann Europa sich wandeln.

Die neuen Möglichkeiten ergeben sich aus dem Zusammenspiel von vier Ereignissen: dem Wahlsieg Macrons, der anders als seine Vorgänger schon im Moment der Machtübernahme eine genaue Vorstellung von der europäischen Zukunft hatte. Die Wandlung Merkels, die im Laufe ihrer politischen Karriere immer mehr zur Europäerin wurde, und die zugleich Frankreich für jeden Reformschritt braucht – nichts wäre aus Merkels Sicht schlimmer als der Eindruck, Deutschland dränge wieder alleine auf Vorherrschaft.

Das dritte Ereignis ist die Entwicklung in den USA unter Donald Trump, und das vierte der Brexit. Großbritannien war seit jeher ein wirtschaftlich starker, aber äußerst EU-skeptischer Bewohner des europäischen Hauses. Jetzt, wo dieser Blockierer politisch quasi schon vor der Tür steht, kann die Renovierung beginnen.

Der neue deutsch-französische EU-Plan kann bereits beim EU-Gipfel am Donnerstag dieser Woche Formen annehmen. Im Juli ist mit einer ersten deutsch-französischen Kabinettssitzung zu rechnen. Und richtig ernst könnte es nach der Bundestagswahl werden: Vier Jahre hätten Merkel und Macron dann gemeinsam in ihren Ämtern, um folgende Neuerungen voranzutreiben:

1. Militärische Kooperation

 "Wir fordern einen europäischen Verteidigungsfonds, aus dem gemeinsame Verteidigungsausgaben (...) finanziert werden", heißt es im Wahlprogramm von Macron. Der Schritt in Richtung einer europäischen Verteidigungsunion deckt sich mit den Wünschen des deutschen Verteidigungsministeriums und der EU-Kommission. Zukünftig werden Rüstungsprojekte wie etwa eine europäische Drohne aus dem gemeinsamen Verteidigungsfonds bezahlt. Schon im März einigten sich die Außen- und Verteidigungsminister der EU darüber hinaus auf die Schaffung eines europäischen Militärhauptquartiers in Brüssel. Es soll keine Konkurrenz zur Nato darstellen, aber zukünftige Militäreinsätze der EU-Staaten koordinieren. Eine Verteidigungsunion, die in den EU-Verträgen bereits verankert ist, soll auf dem Gipfeltreffen am Donnerstag erneut Thema werden. Die Staats- und Regierungschefs wollen über weitergehende Kooperationen des Militärs beratschlagen. Wortführer bei diesem Thema wird Macron sein, unterstützt von Merkel.