Die "Macron-Welle", wie die französischen Medien den deutlichen Wahlsieg des Präsidenten in der ersten Runde der Parlamentswahl beschreiben, hat Sozialisten und Republikaner zu einer Minigruppe in der Pariser Nationalversammlung geschrumpft. Die Newcomer von Macron haben die erfahrenen Berufspolitiker abgelöst. Benoît Hamon, der sozialistische Präsidentschaftskandidat und ehemalige Bildungsminister, hat seinen Sitz im Parlament verloren. Jean-Christoph Cambadélis, Generalsekretär der Sozialisten, ist ebenfalls nicht mehr vertreten.

Nach Schätzungen werden die Sozialisten nur noch einen Bruchteil ihrer bisherigen Abgeordneten stellen, die Republikaner rund die Hälfte. Das ist in etwa eine so historische Niederlage, als würden SPD und CDU um die Fünfprozent-Hürde in Deutschland bangen.

So haben die Franzosen eine jahrzehntealte Tradition gebrochen: Sie haben Sozialisten und Republikaner, die sich stets das Parlament untereinander aufteilten, im großen Stil abgewählt. Nichts konnte offenbar den Wunsch der Franzosen brechen, Macron regieren zu sehen. Selbst sein skandalumwitterter Minister und Vertrauter Richard Ferrand, gegen den wegen Vetternwirtschaft ermittelt wird, bekam knapp doppelt so viele Stimmen wie sein republikanischer Konkurrent. Völlig unbekannte Kandidaten erhielten mehr Zustimmung als eigentlich beliebte Bürgermeister oder Kandidaten vor Ort.

Hochrechnung: Sitzverteilung im französischen Parlament

Minimale und maximale Anzahl von gewonnenen Parlamentssitzen basierend auf Hochrechnungen nach dem ersten Wahlgang

Nun wollen am heutigen Montag die Politbüros der Sozialisten und Republikaner darüber beraten, wie sie mit dem Resultat umgehen sollen. Viel bleibt ihnen nicht zu tun: Ihren Kandidaten für die Stichwahl am kommenden Sonntag wird meistens eine Niederlage prophezeit. Auch dann wird also Macron siegen.

Offenbar haben die französischen Wähler Lust darauf, Macron eine Chance zu geben und zu sehen, was er anders macht als seine glücklosen Vorgänger. Tatsächlich hat Macron ihren Niedergang beschleunigt, aber gewiss nicht eingeleitet. Ex-Präsident François Hollande hat seine linken Wähler enttäuscht. Die Sozialisten hatten noch vor wenigen Jahren ein Imperium aufgebaut, sie verfügten über eine große Mehrheit im Parlament, sie regierten über die Regionen und Rathäuser. Trotzdem bleibt von seiner Amtszeit ausgerechnet ein teures Projekt in Erinnerung, das nicht einmal im Wahlprogramm stand: Eine Steuerentlastung von rund 40 Milliarden Euro für Unternehmen, die am Ende keine oder nur sehr wenige Jobs gebracht hat. Hollande war so unbeliebt, dass er selbst nicht mehr antreten konnte.

Eigentlich hätte dann das passieren müssen, was in der Pariser Fünften Republik immer passiert, wenn eine der beiden Traditionsparteien schwächelt: Die andere übernimmt. Wenn schon nicht die Präsidentschaft, dann gehört uns wenigstens das Parlament, frohlockten die Konservativen noch im Mai. Sie hatten das Gefühl, durch die vielen Skandale ihres Spitzenkandidaten François Fillon sei ihnen der Sieg geklaut worden. Aber auch sie mussten feststellen: Der Wunsch, neu anzufangen, war größer als der, lange im Wahlkreis verankerte Abgeordnete wiederzuwählen.

Eine Chance, sich zu beweisen

Und so hat Macron mit einer nicht einmal ein Jahr alten Bewegung, wie er La République en Marche etwas schmeichelhaft bezeichnet, etablierte Parteien zerbröselt. "Die Franzosen wählen Macron, um ihm eine Chance zu geben, sich zu beweisen", sagt Brice Teinturier vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos. Darin wiederum ist Macron nicht ganz so neu: Seit 1981 haben alle französischen Präsidenten, von François Mitterand bis zu Nicolas Sarkozy und zuletzt Hollande, bei den Parlamentswahlen eine absolute Mehrheit erhalten.

Ob die Sozialisten und Republikaner sich von der Niederlage erholen werden, ist ungewiss. Viele der nun siegreichen konservativen Abgeordneten haben schon angekündigt, mit Macron zusammenarbeiten zu wollen. Das ist ein Angebot, das Macron mit seiner überwältigenden Mehrheit gar nicht mal annehmen muss, sie sind unwichtig. Und die Sozialisten müssen sich gegen die Linken unter Jean-Luc Mélenchon beweisen, die mehr Stimmen als sie selbst erhalten haben.

Und natürlich hängt die Zukunft des Parlaments davon ab, ob Macrons Politik wirklich so neu ist, wie er behauptet. Bislang ist sie ein Sammelsurium aus konservativen Forderungen, etwa eines Arbeitsrechts, das dem Arbeitgeber mehr Freiheiten zuspricht, und linken Ideen wie der "Moralisierung der Politik", die Vetternwirtschaft verhindern soll.

Es wird für beide Traditionsparteien schwierig sein, in eine harte Opposition zu gehen. Die Mitte von Macron ist plötzlich sehr breit geworden und hat die Traditionsparteien verschluckt. Paradoxerweise wollen die Franzosen Macron regieren sehen, aber einige der wichtigsten Projekte von Macron, beispielsweise firmenintern über Arbeitszeiten und Überstunden abzustimmen, sind unbeliebt. Die Popularität, das zeigen die aktuellen Wahlen, kann schnell wieder vorüber sein.