Theresa May hat sich spektakulär verkalkuliert. Bei der Parlamentswahl hat sie nicht nur ihr Ziel verfehlt, die Mehrheit ihrer Konservativen Partei im Unterhaus des Parlaments auszubauen. Sie hat sie sogar verloren – und so ihre politische Karriere wahrscheinlich ruiniert. Die Schuld daran trägt sie alleine. May hat sich von Anfang an in das Zentrum des Wahlkampfs gedrängt. Es gehe darum, SIE für die Brexit-Verhandlungen mit der EU zu stärken, erklärte sie immer wieder. Nur SIE könne eine "starke und stabile Führung" garantieren. Die Briten sollten IHR und ihrem "Team" (gemeint war die Konservative Partei) ihr Vertrauen aussprechen. Ich, ich, ich.

Doch ihr Wahlkampf war ein schlechter. May stellte nach Jahren der Austerität ein Wahlprogramm vor, das weitere Einschnitte vorsah. Als ihre Pläne, pflegebedürftige Rentner stärker finanziell in die Pflicht zu nehmen, für einen Aufschrei sorgten, wirkte May überrascht. Mehrere Tage lang hielt sie an ihren Plänen fest, die sie ohne Rücksprache mit ihrem Kabinett ins Programm geschrieben haben soll. Dann ruderte sie zurück. Damit wirkte sie zuerst kühl und rücksichtslos, dann unentschlossen und wankelmütig.

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Im Umgang mit den Wählern agierte sie erschreckend unsensibel: Bei einer in der BBC ausgestrahlten Frage-und-Antwort-Runde belehrte May eine Krankenschwester, die darüber klagte, dass sie für ihre belastende Arbeit seit acht Jahren keine Gehaltserhöhung erhalten habe, mit den Worten: "Es gibt keinen 'magischen Geldbaum', den wir schütteln können und der uns alles gibt, was wir möchten." Was glaubte sie, wie die Menschen auf so etwas reagieren würden?

Als vergangenes Wochenende zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen Terroristen viele Menschen in Großbritannien töteten und verletzten, kam eine dunklere Seite Mays zum Vorschein: Als Vorwürfe laut wurden, dass sie als Innenministerin mit dem Abbau von 20.000 Stellen bei der Polizei die Sicherheit des Landes aufs Spiel gesetzt habe, regte May eine staatliche Überwachung des Internets an und erklärte, man müsse Einschnitte bei den Menschenrechten in Kauf nehmen, um den Terror zu bekämpfen. Da klang sie endgültig wie eine Autokratin.

Überhaupt, die Neuwahlen. Die hat May nur deswegen ausgerufen, weil sie glaubte, ein Sieg sei ihr garantiert. Die Opposition, so das offensichtliche Kalkül, würde eine verheerende Niederlage erleiden und im Parlament praktisch alle Macht verlieren. Daraus hat May noch nicht einmal ein Geheimnis gemacht.

Dialog statt Parolen

Labour-Chef Jeremy Corbyn hat unterdessen einen beinahe perfekten Wahlkampf bestritten. Mays schrillen Drohungen gegenüber der EU ("No deal is better than a bad deal!") setzte er die Aussicht auf einvernehmliche Verhandlungen entgegen, bei denen die Sicherung britischer Arbeitsplätze im Vordergrund stehen müsse. Er erklärte, er werde im Fall eines Wahlsieges umgehend den in Großbritannien lebenden EU-Bürgern ein Bleiberecht zusichern.

Während May nur vor handverlesenen Funktionären der Tories auftrat und dabei immer wieder dieselben, inhaltsleeren Parolen wiederholte, trat Corbyn mit den Wählern in einen Dialog. Im Labour-Wahlprogramm fehlten viele der radikaleren Positionen, für die sich Corbyn während seiner politischen Laufbahn eingesetzt hat. Darauf angesprochen sagte er, die Partei habe das eben so beschlossen. "Ich bin kein Diktator." Den nicht enden wollenden persönlichen Angriffen seiner Gegner setzte er eine durchweg positive Botschaft entgegen. Und an der fanden ganz offensichtlich viele Briten Gefallen.

Corbyn punktet bei den Jungen

Vor allem aber ist es Corbyn gelungen, mit seiner traditionell sozialdemokratischen Botschaft die Jungen des Landes zu erreichen und zu begeistern. Hätten am Donnerstag nur die 18- bis 24-Jährigen abgestimmt, hätte Labour Umfragen zufolge 70 Prozent der Stimmen oder mehr bekommen. Corbyn hat die verschollen geglaubte Sozialdemokratie belebt.

Und das, obwohl die rechtslastigen, den Tories nahestehenden Zeitungen des Landes ihn in den vergangenen Tagen immer aggressiver attackierten: Die Daily Mail schrieb auf 13 Seiten darüber, warum ein Wahlsieg Labours eine Katastrophe für das Land wäre. Auf der Titelseite nannte das Blatt Corbyn und zwei weitere Labour-Spitzenpolitiker "Apologeten des Terrors". Rupert Murdochs Sun berichtete, sie habe Erkenntnisse über "Jezzas Jihadi-Genossen", die sie mit ihren Lesern teilen müsse (Jezza = Jeremy). Dass diese Blätter offenbar einen Großteil ihres früheren Einflusses verloren haben, ist ein weiteres positives Fazit dieser außergewöhnlichen Wahl.

Die Briten haben sich aber nicht nur von der Person Theresa May abgewandt. Sie haben auch gegen den aggressiven und realitätsfremden Brexit-Kurs gestimmt, den May und die Brexit-Hardliner in ihrer Regierung eingeschlagen haben. Wer auch immer aus dem Chaos der kommenden Tage hervorgehen und die zukünftige Regierung anführen wird: Ein Mandat für einen harten Brexit hat er nicht. Mays Niederlage ist somit nicht nur ein Gewinn für die Menschen in Großbritannien. Er ist ein Gewinn für ganz Europa.