Tausende Menschen trotzen dem Schmuddelwetter und stehen im Eastside City Park in Birmingham. Es ist Dienstagabend, in gerade einmal 36 Stunden öffnen die Wahllokale. Labour-Chef Jeremy Corbyn wird hier in Kürze einen seiner letzten Wahlkampfauftritte abhalten. Die Stimmung ähnelt der eines Musikfestivals. Musik dröhnt aus dicken Lautsprechern, mehrere Bands treten auf, Menschen tanzen. Manche trinken Bier aus Plastikbechern. Die Redner sprechen von einer Bühne inmitten einer Menschenmenge. Auch britische Promis wie der Schauspieler und Komiker Steve Coogan haben einen kurzen Auftritt. Coogan sagt, Premierministerin Theresa May habe "das Charisma eines Pfannkuchens" und fordert junge Briten auf, am Donnerstag Labour zu wählen. Danach spielt die Band Clean Bandit. Eine weitere Rednerin spricht zu der Menge.

Dann betritt Labour-Chef Jeremy Corbyn die Bühne. Die Menge applaudiert und johlt. Nicht nur die Menschen in Birmingham bekommen zu hören, was ihr Star zu sagen hat. Corbyns Rede wird bei fünf anderen Labour-Wahlkampfveranstaltungen in England, Schottland und Wales auf großen Bildschirmen ausgestrahlt, zusätzlich läuft sie live auf der Facebook-Seite der Labour-Partei. Corbyns Stimme klingt rau. Seit Wochen tourt er durch das Land, hat Dutzende Wahlkampfauftritte hinter sich. "Wir sind fast am Ende dieser Kampagne", sagt Corbyn. "Und am Donnerstag werden wir aufs Ganze gehen und die Wahlen gewinnen!" Ohrenbetäubender Jubel.

In den vergangenen Wochen hat sich ein Wandel vollzogen, wie es ihn im britischen Politikbetrieb in so kurzer Zeit noch nicht gegeben hat. Als Theresa May im April überraschend vorgezogene Neuwahlen ausrief, lag Labour in manchen Umfragen 23 Prozentpunkte hinter den regierenden Tories. Ihr Sieg schien garantiert. Kommentatoren warfen May damals vor, sie habe aus diesem Kalkül heraus die Neuwahlen ausgerufen: Die Tories – die May seitdem nur noch als ihr "Team" bezeichnet hat – würden mehr als 100 Sitze im Unterhaus dazugewinnen und die Opposition würde allen Einfluss auf die kommenden Brexit-Verhandlungen verlieren.

Die britische Presse korrigiert ihr Corbyn-Bild

Dann kam alles anders. Die konservative Partei legte mit ihrem von Kürzungen und Einschnitten geprägten Wahlprogramm eine Bruchlandung hin. May war gezwungen, mehrere peinliche Rückzieher zu machen. Sie wirkte unentschlossen und unorganisiert. Das sozialdemokratische Wahlprogramm von Labour kam hingegen gut an. Die Partei gewann in Umfragen an Boden. In einer der jüngsten Umfragen liegt sie nur noch einen Prozentpunkt hinter den Tories. Hätte im April jemand gesagt, dass es so kommen könnte, man wäre ihn für verrückt erklären.

Auch die öffentliche Wahrnehmung von Jeremy Corbyn hat sich verändert. Vor wenigen Wochen lag der Labour-Chef in Umfragen zum Ansehen weit hinter May. Viele Briten sahen in ihm einen linken Spinner, der sozialromantischen Ideen nachhängt. Auch die überwiegend rechtslastige britische Presse stellte ihn monatelang so dar. Nach der Veröffentlichung des Labour-Wahlprogramms titelte der Evening Standard: "Genosse Corbyn weht mit der roten Flagge". In einem Leitartikel empörte sich ein Autor über den Plan Labours, im Fall eines Wahlsieges die in den vergangenen Jahren gesenkten Steuern für Reiche wieder zu erhöhen. Als klar wurde, wie gut die Pläne bei den Briten ankommen, scherte der Evening Standard aber ein und begann, sich mit den Plänen von Labour zurückhaltender auseinanderzusetzen.

Selbst der Guardian – neben dem Daily Mirror quasi die einzige größere Tageszeitung des Landes links der Mitte – begann, an Corbyn Gefallen zu finden. Seit dem EU-Referendum vor einem Jahr hatte er Corbyn noch regelmäßig scharf attackiert. Vor wenigen Tagen forderte das Blatt seine Leser dazu auf, ihre Stimme Labour zu geben. Auch die BBC musste regelmäßig auf Vorwürfe antworten, dass sie Corbyn bewusst negativ darstelle. In einer kürzlich veröffentlichten Studie der Loughborough University kommen Forscher zu dem Schluss, dass die britischen Medien tatsächlich sehr einseitig über Labour berichteten. In einer "beträchtlichen" Mehrheit der Medienberichte würden Corbyn und das Labour-Wahlprogramm negativ dargestellt, heißt es. Dagegen hielten sich in der Berichterstattung über Theresa May und die Tories negative und positive Einschätzungen in etwa die Waage.