Labour und die linke Basis-Organisation Momentum haben sich unterdessen in einer massiven Kampagne in den sozialen Medien direkt an potenzielle Wählerinnen und Wähler gerichtet. Zehntausende freiwillige Wahlhelfer gehen in diesen Tagen von Tür zu Tür und versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, ihre Stimme am Donnerstag Labour zu geben. Schaut man sich den immensen Stimmungsumschwung in den vergangenen Wochen an, scheinen sie damit Erfolg gehabt zu haben.

Der scheint auch Corbyn zu beflügeln. Bei seinem Auftritt in Birmingham genießt er sichtlich das Bad in der Menge. Er wirkt selbstsicher und gelassen, fast ein wenig übermütig. Er wiederholt, wofür sich Labour im Fall eines Wahlsieges einsetzen will: Eine Regierung unter seiner Führung werde die Kinderarmut bekämpfen und den finanziell angeschlagenen nationalen Gesundheitsdienst NHS aufpäppeln. Die langen Wartezeiten in den Kliniken würden der Vergangenheit angehören. Und jedes Kind solle die Möglichkeit bekommen, eine gute Ausbildung zu erhalten. Corbyn möchte die immens hohen Studiengebühren abschaffen. "Die Tory-Regierung ist dagegen nur an den Reichsten in der Gesellschaft interessiert", poltert Corbyn. Die Menge unterstreicht seine Äußerung mit Buhrufen.

Tatsächlich hat Labour vor allem bei den Jungen einen gewaltigen Vorsprung – und das selbst in Schottland, wo bei den letzten Parlamentswahlen vor zwei Jahren die Scottish National Party (SNP) beinahe alle Sitze gewann. Würden am Donnerstag nur die 18- bis 24-Jährigen abstimmen, bekäme Labour laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage 71 Prozent der Stimmen. Die Tories kämen gerade einmal auf 15 Prozent.

Dazu dürfte beigetragen haben, dass in den vergangenen Wochen viele Grime-Musiker dazu aufgerufen haben, Labour zu wählen. Der in London entstandene Musikstil kombiniert Elemente von Hip-Hop, Garage und Jungle und ist vor allem in den kosmopolitischen, urbanen Zentren des Landes beliebt. Künstler wie Stormzy, AJ Tracey, Novelist und Akala haben in den sozialen Medien immer wieder ihre Unterstützung für Labour und für Jeremy Corbyn ausgedrückt.

Corbyns linker Idealismus, den viele seiner Anhänger schätzen, kommt jedoch nicht bei allen Wählern gut an. Gerade in außenpolitischen Fragen polarisiert er. Bei einer Frage-und-Antwort-Runde in der BBC weigerte sich Corbyn etwa, zu erklären, dass er im Fall eines Krieges auch mit Atomwaffen zurückschlagen werde. Daraufhin empörten sich viele Tory-Wähler aus dem Publikum. Darauf angesprochen sagte der Labour-Chef, er werde sich weiter für eine Welt starkmachen, in der es gar nicht erst zu einem Atomkrieg komme. Außerdem ist Corbyn der Ansicht, dass die britischen Militäreinsätze im Nahen Osten dazu beigetragen haben, die Terrorgefahr im eigenen Land zu erhöhen. Nach dem Terroranschlag von Manchester versuchten führende Tory-Politiker und konservative Zeitungen, einen Skandal aus dieser Haltung zu stricken. Außenminister Boris Johnson erklärte diese Behauptung für "absolut monströs". Damit folge Corbyn der Logik der Terrormiliz IS und entbinde den Attentäter von Manchester, Salman Abedi, seiner Verantwortung. Als jedoch Umfragen zeigten, dass 75 Prozent der Briten Corbyn in dieser Frage zustimmen, verschwand das Thema wieder schnell in den Schubladen.