ZEIT ONLINE: Herr Zweiri, Sie leben und arbeiten in Katar. Unter Führung von Saudi-Arabien haben mehrere Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zu dem Land abgebrochen. Wie ist die Lage in Doha?

Mahjoob Zweiri: Das Leben in Doha geht noch relativ normal weiter. Es ist Ramadan, der heilige Monat in der arabischen Welt. Es ist also ohnehin ruhiger als sonst. Tagsüber fasten die Menschen, abends kaufen sie Lebensmittel ein für das Fastenbrechen. Hamsterkäufe habe ich selbst noch nicht gesehen. Die meisten Menschen sind sehr überrascht, viele kritisieren, dass eine solche Eskalation der falsche Weg sei, um Konflikte zwischen Nachbarländern zu lösen.

ZEIT ONLINE: Seit Montag scheint sich die Krise am Golf mit jedem Tag zu verschärfen. Wie weit kann das noch gehen? 

Zweiri: Die Eskalation ist ja bereits weit fortgeschritten: Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und andere haben ihre diplomatischen Vertretungen zurückgezogen, ihre Land- und Flugverbindungen zu Katar abgebrochen. Es ist schwer abzusehen, wie sich die nächsten Tage entwickeln werden. Wir sehen hier, dass sich Katars Führung sehr um eine diplomatische Deeskalation bemüht. Wie erfolgreich sie ist, wird sich zeigen.

ZEIT ONLINE: Hat Katars Führung mit einem solchen Vorgehen gerechnet?

Zweiri: Sie war von diesem plötzlichen Vorstoß der Saudis sicher überrascht. Doch es geht hier um eine politische Krise, die schon 2014 begonnen hat. Damals hatten Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien schon einmal ihre Botschafter aus Katar abgezogen. Dann hat Kuwait zwischen den Ländern vermittelt und den Konflikt nach acht Monaten zumindest vorübergehend lösen können.

Es geht hier um einen grundsätzlichen Konflikt: Nach dem Arabischen Frühling 2011 haben einige arabische Länder unterschiedliche politische Richtungen verfolgt. Saudi-Arabien wollte den Status quo beibehalten und hat in der Zeit der Revolutionen jegliche Neuerungen abgelehnt. Und Ägypten ist nach dem Putsch des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi durch das Militär 2013 nun wieder dort, wo es unter Hosni Mubarak war: in einer Militärdiktatur. Es gibt also zwei Gruppen: Die Führungen von Saudi-Arabien, den Emiraten und Ägypten etwa wollten die politischen und sozialen Verhältnisse aus der Zeit vor 2011 beibehalten. Länder wie Katar wollten sich offener gegenüber neuen politischen Formierungen zeigen, die die Saudis wiederum als systemfeindlich einstuften.

ZEIT ONLINE: Unbestritten ist, dass Katar Beziehungen zu teilweise problematischen Gruppen unterhält: Die Taliban hatten eine Vertretung in Katar, die Muslimbrüder haben dort Exil gefunden, auch hat Katar Verbindungen zur Hamas.

Zweiri: Das ist richtig. Aber als die Taliban ein Büro in Katar eröffneten, gab es vonseiten der USA keine negativen Reaktionen. Man hatte eher gehofft, auf diesem Weg irgendwann einmal Gespräche und Verhandlungen mit den Taliban führen zu können. Um einen dauerhaften Frieden in Afghanistan anzuvisieren, schien an einem Kontakt mit den Taliban kaum ein Weg vorbeizuführen.

Streit um die Muslimbrüder

ZEIT ONLINE: Der saudische Außenminister Adel al-Dschubeir droht, dass der Konflikt nicht beigelegt werde, solange Katar seine Verbindungen zur Hamas und den Muslimbrüdern aufrechterhalte. Warum sind die Muslimbrüder so ein Problem für die Saudis?

Zweiri: In Bezug auf die Muslimbrüder vertreten Saudi-Arabien und Katar völlig unterschiedliche Positionen. Katar sieht die Muslimbrüder, die 2012 in Ägypten bei freien Wahlen den Präsidenten Mohammed Mursi gestellt hatten, als eine demokratisch legitimierte Volksvertretung. Saudi-Arabien versteht sie als Terroristen. Die Saudis wollen die USA schon länger dazu bewegen, die Muslimbrüder ebenfalls als Terroristen zu kennzeichnen.

Die Muslimbrüder sind in den vergangenen hundert Jahren als einzige wirklich strukturierte Bewegung eines politischen Islam hervorgetreten. In Ägypten, wo die Bewegung ihren Ursprung hat, hatten sie traditionell eine eher soziale Rolle: Sie betrieben Schulen und Krankenhäuser, verteilten Essen in den Armenvierteln. Gleichzeitig verfolgten sie eine politische Agenda. Die ägyptische Führung hat sie daher auch immer als Konkurrenz betrachtet. Seit der Machtübernahme von Abdel Fattah al-Sissi verfolgt das ägyptische Regime die Muslimbrüder gnadenlos. Sie haben die Führungsspitze umgebracht, ins Gefängnis geworfen oder in den Untergrund gedrängt. Katar hat vielen Anführern der Muslimbrüder daraufhin Exil angeboten, wie auch die Türkei.

ZEIT ONLINE: Was zu einer Verstimmung mit den anderen Golfländern geführt hat.

Zweiri: Ja, denn die Muslimbrüder haben trotz ihrer Zerschlagung in Ägypten in der arabischen Welt noch sehr viele Anhänger. Auch streben sie nach politischem Einfluss. Die Saudis fürchten, dass die Muslimbrüder einmal mächtiger als sie selbst sein könnten. Dahinter stecken also klar machtpolitische Gründe. Die Saudis wollen die Vormachtstellung in der Region und da passt es ihnen nicht, wenn ein Land wie Katar plötzlich als zu stark erscheint. Allerdings haben viele Muslimbrüder Katar längst Richtung Türkei oder Europa verlassen. Und die Hamas hat eine neue Führung, die vor allem im Gazastreifen aktiv ist.

ZEIT ONLINE: Auch dürften sich die Saudis doch nun recht sicher fühlen. Immerhin gibt ihnen US-Präsident Donald Trump Rückendeckung.

Zweiri: Ja, allerdings ist die Haltung der US-Regierung sehr undurchsichtig. Es gibt da keine einheitliche Position. Ich gehe davon aus, dass die Amerikaner ihre Beziehungen zu Katar nicht abbrechen werden.