Es waren bemerkenswerte Nachrichten, die da gerade aus Den Haag kamen: Es soll neue Koalitionsverhandlungen geben. Vier Parteien wollen jetzt über eine mögliche Zusammenarbeit sprechen: die rechtsliberale Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) von Premier Mark Rutte, die Christdemokraten (CDA), die liberalen Democraten66 (D66) von Alexander Pechtold sowie die kleine ChristenUnie (CU). Zusammen hätten sie 76 der 150 Parlamentssitze, rechnerisch eine Mehrheit.

Mehr als drei Monate sind seit den europaweit beachteten Parlamentswahlen vergangen. Seit einem Vierteljahr müssen die Niederländer ohne politische Führung leben. Stattdessen mussten sie parteipolitische Kapriolen mitansehen, die selbst für die stark ritualisierten niederländischen formaties, die Verhandlungen über eine neue Regierung, auffällig turbulent waren. Dass solche Verhandlungen sich über Monate hinziehen können, ist nichts Neues. Aber dass sich mögliche Kandidaten in Serie vor dem Verhandlungstisch drückten oder diesen entnervt verließen, hatte schon eine neue Qualität.

Gleich zwei Mal platzten Gespräche zwischen VVD, CDA und D66 mit GroenLinks. Es gelang nicht, Unterschiede zu überbrücken, die sich vor allem beim Thema Migration zwischen den Grünen und den übrigen Parteien auftaten. Auch bei Klima- und Verteilungsfragen soll es erhebliche Differenzen gegeben haben. 

Bis hierher zogen Beobachter noch die landesüblichen Gepflogenheiten als Erklärung heran. Einerseits ist da ein Parteienspektrum, das immer stärker fragmentiert ist, sodass sich Mehrheiten schon rechnerisch schwerer bilden lassen. Andererseits ziehen sich tiefe inhaltliche Gräben durch die politische Landschaft der Niederlande – etwa beim Thema Migration. Eben erst wurde ein Integrationsgesetz der Vorgängerregierung vom Senat angenommen, wonach Zuwanderer sich schriftlich und unter Androhung eines Strafgelds zu "niederländischen Werten" bekennen müssen. Auch ethische Fragen sind umstritten, so etwa ein geplantes "Lebensende-Gesetz" von den liberalen D66 oder eine Regelung für Embryo-Untersuchungen, wo sich auch D66 und ChristenUnie unversöhnlich gegenüberstehen.

Koalitionsverhandlungen sind dafür da, solche Differenzen zu überwinden. Eine formatie besteht aber auch aus strategischem Geplänkel, wobei häufig zunächst in Richtung einer Koalition verhandelt wird, die zwar rechnerisch naheliegt, aber inhaltlich nicht unbedingt auf der Hand. Ist diese Option ausgeschlossen, widmet man sich einer erfolgversprechenderen Alternative.

VVD, CDA, D66 und die kleine CU, das wäre nun eine Koalition der letzten Chance, will sich keine Partei den Unwägbarkeiten einer Minderheitsregierung auszusetzen, oder der Peinlichkeit, doch noch mit der rechtspopulistischen Partij voor de Vrijheid (PVV) von Geert Wilders zu koalieren. Das hatten die großen vier Parteien vor der Wahl mehrfach ausgeschlossen.

Beim neuen Koalitionsversuch handelt es sich um eine wohl letzte Lösung, geboren aus einem eklatanten Mangel an Alternativen. Neu in den Verhandlungen ist die ChristenUnie. Aber können die Liberalen von Alexander Pechtold mit der CU? Pechtold, der eine Zusammenarbeit mit der CU lange vehement abgelehnt hatte, ist eine Schlüsselfigur in den Verhandlungen. Schon in den vergangenen Wochen war sein Widerstand das Nadelöhr, das die mögliche künftige Regierung passieren musste.