Fast ein Jahr nach dem gescheiterten Putsch kochten vor dem Gerichtsgebäude in Ankara die Emotionen vieler Türken wieder hoch. Es war zwar nicht der erste Prozess gegen mutmaßliche Putschisten, aber der erste gegen den ehemaligen Befehlshaber der türkischen Luftwaffe Akın Öztürk. Der Mann mit den grauen Haaren und strengem Blick schaute auf den Boden, als ihn bewaffnete Soldaten filmreif in den Gerichtssaal eskortierten und ihm ein Demonstrant aus der Menge heraus einen Henkersknoten zuwarf.

Öztürk gilt in der Türkei als militärischer Kopf des Putschversuchs, als der Mann, der im Auftrag des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen den Befehl bekommen haben soll, am 15. Juli 2016 die Erdoğan-Regierung zu stürzen. Zusammen mit Öztürk werden auch 220 weitere hochrangige Militärs angeklagt, die beim Staatsstreich eine zentrale Rolle gespielt haben sollen. Während die wütenden Demonstranten vor dem Gebäude "idam!" (Todesstrafe!) schrieen, stritt Öztürk alle Anschuldigen ab. Es war erst der Beginn eines Mammutprozesses.

Der Zorn gegen Männer wie Öztürk ist in der Türkei riesig – auch unter Erdoğans Gegnern. Wer aber wo welchen Befehl an jenem Freitagabend gab, der unter anderem dazu führte, dass 249 Menschen getötet wurden, die Bosporus-Brücke in Istanbul mit Soldaten besetzt und in Ankara der Sitz des türkischen Geheimdienstes (MiT) vom Helikopter aus beschossen wurde, ist bis heute zu einem großen Teil unklar. Das liegt auch daran, dass Zeugen wie MiT-Chef Hakan Fidan und Generalstabschef Hulusi Akar nicht vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aussagen mussten. Die Opposition drängte zwar darauf, aber Abgeordnete der Regierungspartei AKP stellten sich quer.

Geheimdienst war über Putschversuch informiert

Anders als für BND-Chef Bruno Kahl, viele Nato-Partner und die EU gibt es in der Türkei auch im liberalen Lager kaum Zweifel daran, dass der Putschversuch zumindest durch Gülen und seine Unterstützer initiiert wurde. Regierungskritische Journalisten berichteten bereits über die Gülen-Unterwanderung des türkischen Staatsapparates, als die AKP und der islamische Prediger vor Jahren noch gemeinsame Sache machten. Seit Monaten ist der Ton zwischen dem Lager Erdoğans und der Opposition aber scharf. Kemal Kılıçdaroğlu wirft der  Regierung vor, einen "kontrollierten Putsch" in Kauf genommen zu haben. Unter kontrolliert versteht der Vorsitzende der säkularen CHP, dass ein bevorstehender Umsturzversuch im Vorfeld bekannt war. Behauptungen, dass der MiT und die Armeespitze über den Putschversuch informiert wurden, machten bereits vergangenes Jahr die Runde und wurden von offizieller Seite auch nicht dementiert.

Erst vor einigen Tagen sickerte aber die Wortlautaussage des MiT-Informanten durch. Inzwischen hat sich auch der Generalstabschef dazu geäußert, wie er die Stunden vor dem Aufstand erlebte.

"Es wird viel Blut fließen"

In seiner Aussage gegenüber der Staatsanwaltschaft gab der Informant, bei dem es sich um einen Militär-Hubschrauberpiloten und ein früheres Mitglied der Gülen-Bewegung handelt, an, das erste Mal von einem möglichen Aufstand im Auto eines Majors erfahren zu haben. "Ich weiß, dass du zur Gülen-Bewegung gehörst", soll dieser ihn plötzlich konfrontiert haben und schnell zur Sache gekommen sein: "Wir werden heute Nacht aktiv. Ich werde Hakan Fidan mit dem Helikopter holen. Es wird viel Blut fließen." Nach diesem Gespräch, das um 10.30 Uhr türkischer Zeit stattgefunden habe, soll der Pilot um 14.30 Uhr den Geheimdienst aufgesucht und erzählt haben, dass er einen Putsch für möglich halte. Der MiT habe zunächst überprüft, ob er halluziniert, ihm dann aber geglaubt.

Anders als vergangene Putsche begann der Umsturzversuch am 15. Juli 2016 nicht nachts, sondern am Abend um 22 Uhr. Der Geheimdienst war durch den Informanten somit gut sieben Stunden vorher informiert.