Moskau: Zwei große Proteste in nur wenigen Wochen. Demonstration Nummer eins: Am 14. Mai protestieren 20.000 Menschen auf dem Sacharow-Prospekt im Zentrum der Stadt gegen den Abriss ihrer Häuser. Demonstration Nummer zwei: Am 12. Juni gehen in der Hauptstadt zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate mehrere Tausend gegen die Korruption in ihrem Land auf die Straße. Unter dem Motto "Wir verlangen Antworten" meldete das Team des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny die Demonstration an – aber statt ebenfalls auf dem Sacharow-Prospekt zu demonstrieren, wie von der Stadt gefordert, verlegten sie im letzten Augenblick den Ort.

Demonstriert wurde nun auf der Twerskaja-Straße, die auf den Roten Platz zuführt und wo an diesem 12. Juni die Moskauer ihre Souveränität mit teils historischen Rollenspielen feierten.

Die Demonstranten kaperten diese Feier, friedlich. Deshalb ist es auch schwer zu sagen, wie viele eigentlich da waren. Bekannt ist jedenfalls, dass 866 Menschen in Moskau festgenommen wurden. Ich sah, wie Schüler abgeführt wurden, weil sie herumstanden. Ich sah, wie ein Junge mitgenommen wurde, weil er auf einmal ein Plakat entblößte, das er unter seiner Russlandflagge versteckt hatte und das die Korruption anprangerte. Ich sah, wie blasse Jungs und fröhliche Mädchen, der Pubertät gerade erst entwachsen, riefen: "Russland wird frei sein", "Russland ohne Putin", "Putin – Dieb!", und dafür abgeführt wurden.

Seit Jahrzehnten hat Russland keine Proteste gesehen, die im ganzen Land stattfanden – an diesem 12. Juni genauso wie zuvor am 26. März. Dieses Mal sind mehr als 1.721 Menschen laut der Organisation OVD-Info festgenommen worden – 197 davon in den Regionen. Doch mit Abstand die meisten traf es in Sankt Petersburg und in Moskau. Alexej Nawalny wurde noch an seiner Haustür von Polizisten verhaftet und zu 30 Tagen Haft verurteilt.

Im März 2018 wird in Russland der Präsident gewählt. Wladimir Putin hat seine Kandidatur noch nicht bekannt gegeben, aber er wird garantiert antreten. Können die Proteste seiner Macht gefährlich werden?

Es lohnt sich, die beiden Proteste anzuschauen, die nur einen Monat auseinander liegen. Denn der Vergleich legt offen, welch eigentümliche Bedeutung der politische Begriff in Russland bisweilen haben kann. Und auf das politische Verständnis der Protestler kommt es an, damit sie etwas erreichen.

Am 14. Mai gingen 20.000 auf die Straße, weil die Machthaber beschlossen, ungefragt über das Privateigentum der Bürger zu verfügen. Diese Proteste hatten ein fest umrissenes Anliegen, und sie sind in den letzten Jahren recht häufig geworden in Russland: Bauern protestieren, weil ihnen Land weggenommen wird. Lkw-Fahrer wehren sich, weil die Einführung des Mautsystems sie ruiniert. Und nun empören sich Bewohner, weil der Staat an ihre Wohnungen ran will. Diese Proteste sind für den Staat unangenehm, aber dank einer bewährten Taktik haben sie bisher noch nie den kritischen Punkt erreicht: In einer Mischung aus Härte und Zugeständnissen kommt er den Unzufriedenen entgegen.

Hauptsache es wird nicht politisch, und darauf achten die Betroffenen peinlichst genau: Am 14. Mai ließen die Organisatoren der Demonstration Alexej Nawalny nicht auf der Bühne reden. "Politisch" – das ist für diese Protestler ein kontaminiertes Wort. Mit Politikern wollen sie nichts zu tun haben. Sie haben ein Anliegen und keinen Wunsch, das System zu verändern. Anders als jene, die am 12. Juni protestieren gingen.

Sie folgten Alexej Nawalnys Aufruf. Er hat sie dank seiner Filme über die korrupten Machenschaften der Regierung politisiert. Der Film über Dmitri Medwedews mutmaßliches Imperium ist mittlerweile mehr als 22 Millionen Mal angeklickt worden. Für viele, mit denen ich auf Nawalnys Veranstaltungen in unterschiedlichen Regionen sprach, läutete der Film eine Wende in ihrem noch jungen Leben ein. Vorher hatten sie sich nicht für Politik interessiert – nun fühlten sie sich um ihre Zukunft betrogen.