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"Der Vater aller Syrer hat uns verlassen." Das waren die Worte, mit denen der Tod Hafis al-Assads im syrischen Staatsfernsehen verkündet wurde. Es war der 10. Juni 2000, ein drückend heißer Sommertag in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Ich war zwar erst neun Jahre alt, doch ich wusste, dass etwas Großes geschehen war – und ich große Angst hatte. Ich rannte über die Straße zum Haus meines Onkels, um meine Cousine zu finden. Sie stand auf dem Balkon im ersten Stock, also rief ich ihr von der Straße zu: "Er ist gestorben, er ist gestorben, Hafis al-Assad ist tot!" Meine Cousine, kaum älter als ich, rannte hastig nach unten und hielt mir die Hand vor den Mund. Erst als ich ihr bedeutete, den Fernseher anzuschalten und selbst zu sehen, glaubte sie mir.

Um zu beschreiben, wie wir uns in diesem Moment der Unsicherheit fühlten – nachdem Hafis al-Assad drei Jahrzehnte Präsident gewesen war – gibt es nur eine Art: Die Syrer bangten um die Zukunft und was sie bringen würde. Hafis al-Assad hatte das Land als Präsident seit 1971 regiert und eine autoritäre Regierung unter Kontrolle der Baath-Partei etabliert. Er hatte einige wichtige Positionen in der Regierung inne – zuletzt als Verteidigungsminister –, bevor er selbst nach der Macht griff. 1970 stürzte er Präsident Salah Dschadid und ernannte sich selbst zum unangefochtenen Führer Syriens.

Hafis al-Assad ließ Dschadid ins Meeze-Gefängnis von Damaskus sperren, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1993 blieb. Sowohl für Syrer als auch für das Ausland schien dieser Staatsstreich ruhig und gewaltfrei verlaufen zu sein. Einziger Beweis dafür, dass sich etwas verändert hatte, war das Verschwinden unabhängiger Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen. Alle Medien standen fortan unter staatlicher Kontrolle.

Der Machterhalt, Assads wahre Leistung

Hafis al-Assad bezeichnete seinen Militärstreich als Korrekturbewegung. Bis heute wird dieser als Tag des 16. November bekannte nationale Feiertag begangen. Die Arabische Sozialistische Baath-Partei feiert an diesem Tag ihre sogenannten Errungenschaften. Zu Assads wahren Leistungen zählt jedoch, wie lange er sich nach dem Staatsstreich an der Macht hielt. Einer der berüchtigsten Vorfälle ereignete sich 1982 in Hama. Die Muslimbruderschaft rief die Menschen über die Lautsprecher der Moscheen dazu auf, gegen Assad auf die Straßen zu gehen und einen der Führer der Baath-Partei zu töten. Als Reaktion befahl Assad der Armee, die Bewegung zu zerschlagen. Letztendlich zerstörten seine Soldaten die halbe Provinz Hama und töteten mehr als 10.000 Menschen.

Ich wurde in den neunziger Jahren geboren und habe diese für das heutige Syrien prägenden Geschehnisse nicht selbst erlebt. Ich wuchs in Muadamiyat al-Sham auf, einem Vorort im Westen von Damaskus. In meiner Umgebung wurde über alles gesprochen, wenn aber einer über Politik sprach, wurde sofort das Thema gewechselt. Das galt nicht nur für meine Familie, sondern für alle, die in der Umgebung lebten.

Zu Beginn der Revolution 2011 verließen viele Menschen aus meinem Viertel das Land. Die anfangs friedlichen Demonstrationen wurden von Baschar al-Assads Soldaten und Milizen schon sehr bald auf brutale Weise unterbunden. Sie inhaftierten und töteten Demonstranten und Aktivisten, sie schossen auf unschuldige Menschen in den Straßen. Der Konflikt entwickelte sich zunächst zu einem Bürgerkrieg, später wurde daraus ein Stellvertreterkrieg. Viele Menschen flohen in die Nachbarländer. Es war zu gefährlich geworden, in Syrien zu bleiben.

Auch ich war 2013 gezwungen, das Land zu verlassen. Ich lief Gefahr, verhaftet zu werden, konnte aber noch rechtzeitig entkommen. Anders erging es einigen meiner Verwandten, sie wurden von Assads Kräften festgenommen. Meine lange Reise führte mich schließlich nach Berlin. Hier habe ich die Möglichkeit, syrischen Stimmen Gehör zu verschaffen.

Syrien - Amnesty International berichtet von Massenhinrichtungen Amnesty hat 84 Menschen befragt, die als Gefangene, Wärter oder Anwälte im syrischen Sednaya-Gefängnis waren. Basierend auf ihren Aussagen hat die Organisation rekonstruiert, wie dort Folter und Hinrichtungen stattfanden. © Foto: Amnesty International