So scharf und direkt hat die US-Regierung dem syrischen Diktator Baschar al-Assad noch nie gedroht. Man habe mögliche Hinweise, dass das Regime erneut einen Giftgasangriff und damit einen Massenmord an Zivilisten vorbereite, sagte der Sprecher von US-Präsident Donald Trump, Sean Spicer. Sollten Assad und seine Militärs dies tun, müssten sie dafür "einen hohen Preis" zahlen – Sätze, die den Streit zwischen den USA und Russland sofort neu entfachten. Empört wies der Kreml "die Drohungen gegen die legitime syrische Führung" zurück und nannte sie "inakzeptabel".

Nach Angaben des Weißen Hauses sind die derzeitigen Vorbereitungen ähnlich wie vor dem Angriff am 4. April auf die Ortschaft Chan Scheichun in der Provinz Idlib. Damals starben mindestens 87 Menschen – darunter viele Kinder –, über 500 Menschen wurden verletzt. Als Reaktion ordnete Präsident Trump damals Vergeltungsschläge an und löste damit die erste direkte militärische Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und dem Assad-Regime aus. Kriegsschiffe im Mittelmeer feuerten 59 Cruise-Missiles auf die Luftwaffenbasis Al-Schairat westlich von Homs, von wo nach US-Erkenntnissen der Bomber mit der Giftgasrakete an Bord gestartet war.

In der vergangenen Woche kam es zu einem weiteren Zusammenstoß, als ein F-18-Kampfjet eine syrische Su-22-Maschine abschoss, die mit den USA verbündete Einheiten der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) attackiert hatte. Russland kappte daraufhin die direkte Hotline zwischen beiden Supermächten, die Zusammenstöße über syrischem Territorium verhindern soll.

Pentagon: Kontakt zu Russland wiederherstellen

Inzwischen beeilte sich Pentagonchef Jim Mattis zu versichern, dass die USA nicht vorhätten, sich tiefer in den syrischen Bürgerkrieg hineinziehen zu lassen. Der Fokus liege auf der Bekämpfung des "Islamischen Staates", sagte Mattis. "Wir behandeln das Ganze sehr vorsichtig, aber je knapper es wird, desto komplexer", sagte er. Ziel sei es, den syrischen Bürgerkrieg mit diplomatischen Mitteln beizulegen. Der Pentagonchef bekräftigte, ihm sei daran gelegen, die Verbindung mit den russischen Einsatzplanern wiederherzustellen.

Die von den USA bewaffneten und trainierten Kämpfer der SDF belagern seit drei Wochen die syrische Stadt Rakka und drangen teilweise bereits auf das Stadtgebiet vor. Die IS-Führung dagegen zieht offenbar ihre verbliebenen Kräfte aus dem Irak und Syrien im südöstlichen Hinterland von Rakka nahe der Wüstenstädte Deir al-Sur, Mayadin und Bukamal zusammen, dem Grenzgebiet zum Irak und zu Jordanien.

Seit Beginn der Rakka-Offensive am 6. Juni flogen die USA und ihre Verbündeten mindestens 384 Luftangriffe auf die Stadt, bei denen bisher mehr als 700 Zivilisten starben, 35 am Tag. Ein Angriff galt dem IS-Gefängnis in Mayadin, wo nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 42 Gefangene und 15 Islamisten getötet wurden.

Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon stellte sich hinter die harte Trump-Linie. "Eine Militäraktion muss gerechtfertigt sein, legal und angemessen, und sie muss notwendig sein", sagte Fallon im Sender BBC. Falls die USA gegen Syrien einen ähnlichen Angriff wie im April unternehmen sollten, "werden wir das unterstützen". Ähnlich hatte sich zuvor auch der neue französische Präsident Emmanuel Macron nach einem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Versailles geäußert. Frankreich werde keine Schwäche zeigen und sofort reagieren, sollten in Syrien erneut chemische Waffen zum Einsatz kommen – von welcher Seite auch immer. "Das ist für uns die rote Linie", erklärte Macron.

Frankreich sammelt Beweise

Der französische Geheimdienst hat zu dem Giftgasangriff auf die Ortschaft Chan Scheichun ein umfangreiches Dossier erarbeitet. Die zusammengetragenen Fakten lassen aus Sicht der Pariser Regierung keine Zweifel daran, dass das Assad-Regime das Nervengas Sarin gegen die Bewohner einsetzte. Assads Regierung streitet dies vehement ab und sprach von einer "hundertprozentigen Erfindung". Man habe 2013 alle chemischen Waffen an die internationale Kontrollbehörde, die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), abgegeben.

Deren Vorsitzender Ahmet Üzümcü jedoch sprach in seinem ausführlichen Abschlussbericht im Juli 2016 von einem "beunruhigenden Muster unvollständiger und unzutreffender Angaben Syriens zu seinem Chemiewaffenprogramm". Syriens Erklärungen hätten signifikante Lücken und spiegelten "nicht den vollen Umfang und die Natur meldepflichtiger Aktivitäten" wieder, hieß es in dem Text. Ähnlich äußerte sich kürzlich auch US-Verteidigungsminister Mattis und erklärte, der habe keinen Zweifel, dass Syrien einige chemische Waffen zurückgehalten habe. Der israelische Geheimdienst geht ebenfalls davon aus, dass Assad noch "ein paar Tonnen" Giftgas besitzt.