Einen Tag nach dem verheerenden Doppelattentat folgte der zweite Schock für die iranische Öffentlichkeit. Die Täter waren eigene Landsleute und keine eingeschleusten, ausländischen Gotteskrieger des "Islamischen Staates". Die fünf Terroristen seien, nachdem sie sich dem IS angeschlossen hätten, außer Landes gegangen und "nahmen an Verbrechen der Terrorgruppe in Mosul und in Rakka teil", erklärte das Geheimdienstministerium am Donnerstag.

Im Juli oder August 2016 seien die Iraner dann unter der Führung eines IS-Kommandeurs mit Namen Abu Aisha in die Islamische Republik zurückgekehrt, "um Terroraktionen in religiösen Städten zu verüben", hieß es weiter in der Mitteilung, die auch die Fotos und Vornamen der Täter enthielt.

Abu Aisha sei bei einer Razzia getötet worden, die anderen aus der Terrorzelle konnten fliehen. Wie die Männer dann trotzdem am Mittwoch das verheerende Attentat mit 17 Toten und über 50 Verletzten im Parlament und auf dem Gelände des Chomeini-Mausoleums verüben konnten, dazu schweigen die Ermittler bisher. Alle fünf Angreifer kamen ums Leben, sprengten sich in die Luft oder wurden von der Polizei erschossen.

Und so wachsen in der iranischen Öffentlichkeit die Zweifel, ob Polizei, Staatssicherheit und Geheimdienst angesichts der wachsenden Terrorgefahren die Lage im Land tatsächlich so gut im Griff haben, wie es bisher schien. "Das sind alles nur Knallkörper, die nicht den geringsten Einfluss auf die Haltung der Bevölkerung haben", spielte der Oberste Revolutionsführer Ali Chamenei die Dimension der Terroraktion herunter, der ersten des "Islamischen Staates" auf iranischem Boden.

"Glaube ja nicht, wir werden verschwinden, wir werden wiederkommen, so Gott will", brüllte einer der Schützen auf Arabisch in der 15-Sekunden-Videosequenz, die der IS noch während des Angriffs online stellte, bevor er den am Boden liegenden, blutenden Sekretär des Abgeordneten Hossein Ali Deligani erschoss.

Schon zuvor gab es Terrortaten sunnitischer Radikaler

Mittlerweile nahm die Polizei fünf weitere Personen fest, die in das Attentat verwickelt sein sollen. Ein drittes Terrorkommando sei bereits am Mittwoch rechtzeitig enttarnt und ausgeschaltet worden, hieß es. Ob Saudi-Arabien seine Finger im Spiel habe, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen, erklärte Geheimdienstminister Mahmud Alavi. Im März hatte der IS zum ersten Mal auch der Islamischen Republik Terroranschläge angedroht. Man werde den Iran erobern und ihn wieder zu einer sunnitischen Nation machen, hieß es auf Persisch in der Videobotschaft.

Doch auch zuvor hatte es im Inneren der Islamischen Republik bereits Terrortaten sunnitischer Radikaler gegeben. Vor allem in der Provinz Sistan-Balutschistan an der Grenze zu Pakistan gärt es seit Jahren, weil sich deren sunnitische Bevölkerung von Teheran diskriminiert und vernachlässigt fühlt. Dort operieren die Terrororganisationen Dschundollah und Jaish al-Adl, deren Gotteskrieger zuletzt im April zehn iranische Grenzpolizisten massakrierten. Bei dem bisher schwersten Dschundollah-Attentat im Jahr 2009 starben 42 Menschen, die meisten waren Revolutionäre Garden.

Und so fürchten iranische Bürgerrechtler, das Machtkartell der Hardliner aus Justiz, Revolutionären Garden und erzkonservativen Klerikern könnte das Terrordrama von Teheran nun nutzen, um die Schrauben im Inneren anzuziehen und den weiteren Reformkurs von Präsident Hassan Ruhani zu torpedieren. "Diese schrecklichen Ereignisse sollten nicht das Mandat untergraben, was Ruhani bei den letzten Wahlen vom iranischen Volk erhalten hat", erklärte Hadi Ghaemi vom Zentrum für Menschenrechte im Iran – nämlich "die zivilen und politischen Rechte des iranischen Volkes zu verbessern".