Montagnacht steuerte ein 47-jähriger Mann aus Wales einen Kleintransporter in eine Menschenmenge vor einer Londoner Moschee. Wieder ein Anschlag, doch mit dem bedeutenden Unterschied: Diesmal waren Muslime nicht die Täter, sondern die Opfer (ob Terroristen, die im Namen des Islams morden, Muslime sind, ist eine andere Diskussion).

Die Reaktionen folgten prompt. Am Dienstag wurde ein Wutbeitrag nach dem anderen auf Facebook und Twitter gepostet. Viele meiner muslimischen Freunde kritisierten, dass einige britische und internationale Medien die Attacke nicht gleich als Terrorakt bezeichneten, dass der Mann vielen schnell als geistig verwirrt, nicht aber als terroristischer Attentäter galt – obwohl er es nach eigener Aussage darauf angelegt hatte, so viele Muslime wie möglich umzubringen. Das Wort Terror werde anscheinend nur mit ihnen, den Muslimen, in Verbindung gebracht, schrieben sie verärgert. "Es gibt wohl keinen rechten Terror", stand in den Posts. Oder: "Keine Doppelmoral, bitte."

Doch sie kritisieren nicht nur das aus ihrer Sicht geringere mediale Echo und die unterschiedliche Bewertung nach dem Anschlag. "Nur um das klar zu stellen: Ich mache nicht alle Weißen verantwortlich für den rechten Extremismus", postete ein ägyptischer Bekannter. Ein anderer schrieb: "Ich erwarte nicht, dass sich nun alle Weißen für die Handlungen eines total Fremden entschuldigen." Wieder ein anderer proklamierte: "Keine Sippenhaft für weiße Christen!" Viele schlossen sich entsprechenden Hashtags an.

Das sind humoristische, doch durchaus ernst gemeinte Anspielungen auf den nur allzu bekannten Reflex von Politik und Öffentlichkeit nach einem Anschlag: zu erwarten, dass sich Muslime von dem Terror distanzieren, der im Namen ihrer Religion geschieht.

Eine Doppelmoral lässt sich nach Anschlägen durchaus beobachten. Terror wird allgemein noch eher den Muslimen zugeschrieben. Dass es auch rechten Terror von weißen (christlichen) Menschen gibt, scheint noch immer nicht in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen zu sein. Der weiße Täter gilt oft als psychisch krank (was manchmal auch stimmt), eher selten wird anerkannt, dass es (nicht wenige) Menschen gibt, die bewusst Muslime oder andere Gruppen hassen, die nicht in ihr Weltbild passen.

Wie ungleich die Debatten laufen, sieht man auch hieran: In Deutschland wird der Kölner Friedensmarsch vom Wochenende noch Tage später von einigen Medien und Organisationen instrumentalisiert. Da deutlich weniger Muslime als erwartet gegen islamistischen Terror protestierten, fühlen sich einige Autoren in ihrer Überzeugung bestätigt, dass die "anständigen" Muslime eine Minderheit darstellten, die große Mehrheit der Muslime also "unanständig" sei, ergo: antidemokratisch, gewaltaffin, schwer integrierbar. Dass überhaupt darüber diskutiert wird, ob der Umstand, dass zu einer Demo gegen Terror nur wenige Muslime kommen, bedeutet, dass Muslime per se Terror unterstützen, zumindest tolerieren, zeigt vor allem eines: wie weit entfernt die europäische Öffentlichkeit von der Realität im Nahen Osten ist.

Dort treffen die Anschläge nicht nur zumeist Muslime, darunter auch Kinder, Schwangere oder Kranke. Auch zeigt sich in den Krisengebieten: Die Annahme, dass Muslime sich nicht gegen islamistische Gewalt zur Wehr setzten, ist eine Mär. Sie tun das nicht nur tagtäglich in Dutzenden Postings auf Facebook oder Twitter, sondern auch mit Straßenprotesten. So gingen im Juni in der syrischen Provinz Idlib Dutzende Zivilisten auf die Straße, um gegen die Gewalt der dort aktiven Al-Kaida-Ableger zu protestieren. Sie riefen Slogans gegen den wachsenden Einfluss der Extremisten und für ein Leben in Frieden. Im Januar demonstrierten im afghanischen Herat Tausende gegen den "Islamischen Staat" und den Terror in ihrem Land. Auch nach dem Selbstmordanschlag in Kabul vor wenigen Wochen, bei dem 90 Menschen getötet und mehr als 450 verletzt wurden, protestierten wütende Menschen gegen die Gewalt und das Versagen ihrer Regierung, diese einzudämmen.

Während die Gefahr für Deutsche, bei einem Selbstmordanschlag umzukommen, noch immer eher abstrakt bleibt, ist der Terror durch Dschihadisten für viele Muslime im Nahen Osten Teil des bedrückenden Alltags. In Mossul und Rakka haben IS-Milizen jahrelang die Bevölkerung malträtiert, sie haben Frauen, Männer, Kinder geschlagen, gefoltert, vergewaltigt, geköpft. In den von der Opposition gehaltenen Gebieten in Syrien verbreiten extremistische Gruppierungen eine Atmosphäre der Angst. In Bagdad töten Attentäter mit Autobomben immer wieder Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Eisessen mit ihren Familien sind.

Viele, die vor dem Horror des IS fliehen konnten, leben auch im Ausland weiter in Angst – weil sie sich gegen den islamistischen Terror gestellt haben oder es weiterhin tun. Wenn man etwa mit syrischen Journalisten oder Menschenrechtlern spricht, die nun in der südtürkischen Grenzregion leben, hört man viele Geschichten über ein Leben, das vom Kampf gegen den IS geprägt ist, trotz der Furcht.

Da ist Mustafa, der von Gaziantep aus ein syrisches Onlinemagazin leitet, in dem er und seine Kollegen in Syrien über die Gräueltaten des IS berichten, über die Bestrafungen, Vertreibungen und systematischen Tötungen – auch wenn er aus Angst vor Racheakten im Untergrund leben muss. Da ist Ahmad, der in Aleppo monatelang vom IS festgehalten wurde, bis ihm die Flucht gelang, und der nun in seinen Blogbeiträgen das brutale Vorgehen der Terrormiliz kritisiert – und dafür unablässig Drohnachrichten von den Extremisten erhält, die ihm und seiner Familie mit Vergeltung drohen. Auch viele andere Muslime nehmen ein Leben in ständiger Gefahr auf sich, um gegen die Gewalt im Namen ihrer Religion anzugehen. Auch wenn das viele Menschen in Deutschland nicht mitbekommen.

Auch das ist eine Leerstelle in der europäischen Debatte um Muslime und Terror: dass es viele junge moderate Menschen im Nahen Osten gibt, die weder die eine noch die andere Form von Extremismus unterstützen. Die vielen syrischen Journalisten, Medienaktivisten oder Anwälte etwa, die sowohl gegen den Terror von Baschar al-Assad als auch gegen den der Islamisten kämpfen. Oder die ägyptischen Frauenrechtlerinnen und Künstler, die die brutale Unterdrückung von Machthaber Abdel Fattah al-Sissi ebenso ablehnen wie die Vorstellung eines politischen Islams der Muslimbrüder. Oder die vielen Iraker, die den IS hassen, zugleich aber auch das gewaltsame Vorgehen ihrer Befreier kritisieren, der schiitischen Milizen zum Beispiel.

Es ist gut, wenn Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen zeigen, dass sie Terror ablehnen. Demonstrationen braucht es dafür aber nicht. Vielmehr könnten die immer wiederkehrenden Debatten nach Terroranschlägen dann einen positiven Effekt haben, wenn sie ein für allemal verdeutlichen: Extremismus kennt keine Religion. Terror bleibt Terror, egal von wem er kommt. Und gegen Terror kommt eine Gesellschaft nur gemeinsam an.