Im Extremfall kann es dazu kommen, dass der nächste Präsident aus dem Gefängnis kommt – wobei dann sicher irgendeine sehr brasilianische Sonder- und Kompromisslösung gefunden würde, um dies zu vermeiden oder die Haftstrafe aufzuschieben. Weil kaum eine politische Spitzenkraft in irgendeiner Partei ohne Ermittlungsverfahren oder zumindest den Verdacht von Bestechlichkeit dasteht, könnte mit einem konservativen Wahlsieger das Gleiche blühen.

Und es kann noch ganz anders laufen. Die entschlossenen Ermittlungen und Richtersprüche von Sérgio Moro und anderen haben in den vergangenen Monaten bereits zu Reaktionen in der Hauptstadt Brasília geführt. Im Parlament stehen etliche Gesetzesentwürfe zur Schwächung der Antikorruptionsermittlungen zur Abstimmung. Eine Antikorruptionsermittlungseinheit der Polizei wurde gerade erst geschlossen. Präsident Temer und seinen Verbündeten wurde mehrfach vorgeworfen, sie besetzten Schlüsselstellen beim obersten Gericht und in den Ämtern mit Leuten, die wenig von der Korruptionsbekämpfung halten.

Bis 1985 noch Militärdiktatur

In dieser Frage hat ein Lula da Silva durchaus die gleichen Interessen wie seine politischen Widersacher: Egal, wer gewählt wird, die Ermittlungen und Verhaftungen wollen sie alle stoppen.

Falls der Frust darüber in der Bevölkerung im Anlauf auf die kommende Präsidentschaftswahl wächst, freut sich einer darüber besonders: Jair Bolsonaro, ein weiterer Präsidentschaftskandidat, der in vielen Umfragen an zweiter Stelle hinter Lula da Silva liegt. Bolsonaro ist ein Veteran in der brasilianischen Politik, ein Mann der äußersten Rechten, der mit übertriebenen polemischen Aussagen gerne die Rolle eines Politikclowns à la Donald Trump spielt. Rassismus, Homophobie, Sympathien für Militärdiktaturen und Folterknechte, offen vorgetragenes faschistisches Gedankengut: Bei Bolsonaro ist alles zu finden.

Doch er bekommt in diesen Tagen außergewöhnlich viel Unterstützung. Seine Anhänger sehen ihn als den ultimativen Saubermann, als Alternative zu einer unrettbar von korrupten Politikern unterwanderten Demokratie.

Und das darf man in Brasilien – einem Land mit 200 Millionen Einwohnern, der weltweit achtgrößten Wirtschaftskraft und großen Ölreserven vor den Küsten – nicht vergessen: Die Demokratie hier ist jung, ihre Wurzeln gehen nicht tief. Bis 1985 war hier noch Militärdiktatur.