Für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gibt es Parallelen zwischen der Türkei und der DDR. "Die Türkei verhaftet inzwischen willkürlich und hält konsularische Mindeststandards nicht ein", sagte Schäuble der Bild. Das erinnere ihn daran, wie es früher in der DDR war. Die Bundesregierung könne nicht mehr für die Sicherheit deutscher Touristen in der Türkei garantieren. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagte der Zeitung: "Wer in die Türkei reist, verbringt seinen Urlaub leider nicht in einem Rechtsstaat."

Die Türkei müsse erkennen, dass die Bundesregierung einig und geschlossen ist. Das Verhalten der Türkei sei inakzeptabel. "Nur als Rechtsstaat kann die Türkei Erfolg haben", sagte Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) der Bild am Sonntag. Die Maßnahmen, die die Bundesregierung ergriffen hat, seien "absolut notwendig". Die Regierung habe eine Schutzpflicht für die deutschen Bürger und Unternehmen. Zudem wollte Altmaier weitere Maßnahmen nicht ausschließen. "Wir werden zu jedem Zeitpunkt prüfen, ob weitere Beschlüsse notwendig sind", sagte der Kanzleramtsminister dem ZDF.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Neuausrichtung der deutschen Türkei-Politik als "notwendig und unabdingbar", wie Regierungssprecher Steffen Seibert sagte.

Die Bundesregierung hatte nach der Inhaftierung von Menschenrechtsaktivisten in Istanbul neue Maßnahmen im Umgang mit der Türkei angekündigt. Als Reaktion auf die Verhaftung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner und anderer wurden die Reisehinweise des Auswärtigen Amts für das Land verschärft.

Außerdem wolle die Regierung die künftige Vergabe von sogenannten Hermes-Bürgschaften für Exportkredite prüfen – diese Bürgschaften des Bundes decken Risiken deutscher Firmen ab, die in der Türkei aktiv sind. Die Garantien sind ein wichtiges Instrument zur Exportförderung, sie schützen die deutschen Unternehmen vor Verlusten durch ausbleibende Zahlungen ihrer ausländischen Geschäftspartner.

Türkei wirft Gabriel Türkenfeindlichkeit vor

Zudem müssten Investitionskredite und Vorbereitungshilfen der EU für einen Beitritt überdacht werden, sagte Außenminister Gabriel (SPD). Er könne sich auch nicht vorstellen, dass die EU-Verhandlungen mit der Türkei über eine Zollunion ausgeweitet werden könnten. In der Bundesregierung müsse man über weitere Maßnahmen sprechen. 

Steudtner und weitere Menschenrechtsaktivisten waren als Teilnehmer einer Konferenz in der Türkei und dort wegen Terrorismusvorwürfen festgenommen worden. Die Vorwürfe seien "an den Haaren herbeigezogen", sagte Gabriel.

Der Außenminister forderte die umgehende Freilassung Steudtners sowie des deutsch-türkischen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel, der deutschen Journalistin und Übersetzerin Meşale Tolu Çorlu sowie weiterer Inhaftierter. Insgesamt sitzen derzeit neun Deutsche in der Türkei in Haft. Am Dienstag hatte sich bereits Kanzlerin Merkel in einer Rede mit Steudtner und weiteren mit ihm zusammen inhaftierten Menschenrechtsaktivisten solidarisch erklärt.

Die Türkei bezeichnete die Reaktion der Bundesregierung als unangemessen und unannehmbar. Die Äußerungen von Bundesaußenminister Sigmar Gabriel seien unglücklich und innenpolitisch motiviert, sagte der Sprecher von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, İbrahim Kalın, vor Journalisten in Ankara. In einer Mitteilung des Außenministeriums wird dem Außenminister vorgeworfen, aus "innenpolitischen Absichten und Türkei- sowie Türkenfeindlichkeit" Profit schlagen zu wollen.