Am Ende hat der Präsident noch einmal das ganze Gewicht seines Amtes eingesetzt, um die Gesundheitsreform zu retten. Erst lud er die widerspenstigen Senatoren zum Lunch ins Weiße Haus ein, dann sprach er wenig subtile Drohungen an die Wackelkandidaten im eigenen Lager aus. Er sei "überrascht" gewesen, sagte Donald Trump etwa über die beiden konservativen Republikaner Jerry Moran und Mike Lee. Schließlich seien sie doch "meine Freunde". Die beiden Senatoren aus Kansas und Utah hatten sich Anfang der Woche überraschend gegen den Senatsentwurf zur Gesundheitsreform ausgesprochen und das Gesetz damit vorerst platzen lassen. Vielleicht, so der Präsident bei dem Treffen, seien sie nicht mehr sehr viel länger befreundet. "Aber das ist okay."

Die Bemerkungen sorgten für Aufsehen, doch der Versuch, die Republikaner einzuschüchtern, blieb erfolglos. Auch nach dem symbolträchtigen Mittagessen im Weißen Haus fehlten dem Gesetz die nötigen Stimmen, die Zukunft des Vorhabens bleibt unklar. Der Präsidenten machte seinem Frust auf Twitter Luft: Die Republikaner müssten ihr Versprechen an die Wähler einlösen, schrieb Trump.

Dabei ist die jüngste politische Niederlage viel mehr als nur ein Rückschlag für die Agenda der Partei. Was das Debakel um die Gesundheitsreform vor allem offenbart hat, ist ein Präsident, dem es im eigenen Lager an der nötigen Durchsetzungskraft fehlt. Für den Rest seiner Amtszeit könnte das von einem Ärgernis zum ernsthaften Problem heranwachsen, meinen politische Beobachter im Land. Die Angst, die ein mächtiger Präsident einflößen kann, sei in der Regel der sicherste Hebel, um ein Nein in ein Ja umzuwandeln, fasste es die New York Times zusammen.

Doch Trump scheint diesen Hebel verspielt zu haben. Mit Umfragewerten unter 40 Prozent, täglichen Angriffen gegen Medien oder politische Gegner und seinem offensichtlichen Desinteresse am politischen Tagesgeschäft hat der Außenseiter beim Establishment in Washington für Befremdung gesorgt. Die anhaltenden Fragen in der Russlandaffäre haben Trump zusätzlich geschwächt. "Im Moment hat niemand Angst vor Trump, und das ist ein echtes Problem", zitierte die Zeitung einen langjährigen republikanischen Strategen.

Was das bedeutet, zeigte sich am Wochenende erneut: Mit deutlicher Mehrheit einigten sich die Kongressmitglieder auf ein Gesetzespaket mit Sanktionen gegen Russland und Nordkorea, das dem Präsidenten unter anderem die Möglichkeit nimmt, Sanktionen gegen die Regierung in Moskau im Alleingang aufzuheben. Das Weiße Haus hatte sich vergeblich bemüht, gegen den ungewöhnlichen Zusatz Stimmung zu machen und argumentiert, es nehme ihm die nötige Flexibilität in der diplomatischen Beziehung mit dem Kreml. Will Trump das Inkrafttreten der Russlandsanktionen verhindern, bleibt ihm jetzt nur ein direktes Veto, das angesichts der laufenden Ermittlungen schwer zu verkaufen wäre.

Zwar halten die Republikaner öffentlich trotz der Unstimmigkeiten an Trump fest. Doch hinter den Kulissen scheint man den Präsidenten längst als Risiko zu sehen. Die Seite Politico berichtete nach Interviews mit "fast zwei Dutzend" führenden Republikanern über den wachsenden Frust in der Partei angesichts des Chaos und impulsiven Verhaltens im Weißen Haus. Sie fürchten, das Verhalten des Präsidenten könne die weitere Agenda und damit die knappe Mehrheit im Kongress gefährden. Die Unvorhersehbarkeit des Präsidenten sorge für Unsicherheit und mache es derzeit schwierig, Kandidaten für die frei werdenden Kongresssitze zu gewinnen. Die Partei verlasse sich zunehmend auf Vizepräsident Mike Pence als ihren "Botschafter" in der Regierung, schrieb die Seite. "Trump ist ein sehr fordernder Boss, der nicht nur ständig den normalen Politik-Prozess stört, sondern auch die Traditionen in Washington", sagt Steffen Schmidt, Politikwissenschaftler an der Iowa State University.

Kritik an Justizminister Sessions

Mit seinen Angriffen auf Jeff Sessions in der vergangenen Woche hat Trump seine Position weiter geschwächt. In einem langen Interview mit der New York Times kritisierte Trump seinen Justizminister scharf. Hätte er gewusst, dass sich Sessions von den Ermittlungen in der Russlandaffäre zurückziehen würde, dann hätte er ihn niemals für das Amt des Justizministers in Erwägung gezogen, so der Präsident. Was Sessions getan habe, sei "unfair" gegenüber dem Präsidenten. "Und das ist noch eines der milderen Worte."

Es dauerte nicht lange, bis sich die Parteikollegen öffentlich hinter den früheren Senator aus Alabama stellten. Es sei "unangemessen" für den Präsidenten, seinen Justizminister derart anzugreifen, wenn dieser doch nur das Interesse seiner Behörde und des Landes im Sinn gehabt habe, sagte der Abgeordnete Walter Jones aus North Carolina. "Ich bin sehr enttäuscht, dass der Präsident sich auf diese Weise äußert." Jeder Versuch, Sessions aus dem Amt zu entfernen, sei "ein katastrophaler Fehler", warnte auch die einflussreiche konservative Gruppe Americans for Limited Government. Mit seinen Angriffen auf beliebte Parteimitglieder richte Trump großen Schaden an, sagt Politikwissenschaftler Schmidt. Sessions sei im Kongress ein alter Bekannter und habe viele Freunde auf dem Kapitolhügel.

Neue Abstimmung über Obamacare

Eigentlich gehörte Sessions lange zu den loyalsten Unterstützern des Präsidenten, als erster Senator hatte sich der Republikaner aus Alabama hinter den Kandidaten Trump gestellt und war im Gegenzug mit dem Posten an der Spitze des Justizministeriums belohnt worden. Doch in den vergangenen Monaten hat das Verhältnis zwischen beiden gelitten. Neben Sessions' Rolle in der Russlandaffäre zeigte sich Trump auch frustriert über das zögerliche Vorgehen des Justizministeriums bei der Umsetzung des Einreisestopps für Reisende aus sechs muslimischen Ländern. Am späten Freitagabend spitzte sich die Situation um Sessions noch einmal zu. Die Washington Post berichtete, der Justizminister habe bei einem Treffen mit dem russischen Botschafter – anders als bislang angegeben – offenbar doch den Wahlkampf besprochen.

Schon in dieser Woche könnte es zum nächsten öffentlichen Showdown kommen. Trotz aller Unklarheit will Mehrheitsführer Mitch McConnell am Dienstag eine Abstimmung erzwingen, die zumindest die Debatte über das weitere Vorgehen im Ringen um eine Gesundheitsreform freigeben würde. Der konservative Hardliner erwägt, angesichts der fehlenden Stimmen vorerst die Gesundheitsreform von Obama nur zu streichen und sich erst später um einen Ersatz zu bemühen. Bis zum Wochenende war allerdings selbst den eigenen Senatoren nicht klar, worüber sie da genau abstimmen sollten. Ob Drohungen aus dem Weißen Haus sie noch zum Ja bewegen können?