Das wäre schon witzig mit türkischen Regierungsvertretern in Brüssel. Man stelle sich vor, wie Minister aus Ankara am Verhandlungstisch des Europäischen Rats ihre Positionen zu, sagen wir, Fischfangquoten, bekräftigen würden. "Denjenigen, die unsere Werte angreifen, brechen wir die Hände, schneiden ihnen die Zunge ab und vernichten ihr Leben!" So ungefähr? Es sind immerhin eine Menge Werte, die AKP-Politiker derart in Wallung bringen können. Der türkische Parlamentspräsident Ismail Kahraman zählte am Wochenende auf: "Volk, Fahne, Koran, Glaube, Gebetsruf, Freiheit, Unabhängigkeit", und man ahnt, dass die Liste der Heiligkeiten nicht abschließend ist.

Gegenüber solchen Leuten passt man besser auf, was man zu Fischen in der östlichen Ägäis sagte, denn wer weiß, welche Gewaltfantasien die auszulösen vermögen. Eine Lieblingsvorstellung von Staatschef Recep Tayyip Erdoğan ist ja derzeit das Kopfabreißen, welches er gerne wieder erlauben würde, "und ich persönlich achte nicht darauf, was Hans und George dazu sagen. Ich achte darauf, was Ahmet, Mehmet, Hasan, Hüseyin, Ayse, Fatma und Hatice sagen." Vielleicht würde eine solche Halbstarken-Regierung bisweilen auch den ein oder anderen ausländischen Staatsbürger als Geisel nehmen, um sich Durchsetzungskraft zu verleihen, so wie sie es beispielsweise gerade mit dem deutschen Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner getan hat. 

Diejenige Regierung eines EU-Landes, die sich vorstellen kann, mit solchen Leuten über Agrarsubventionen, Lebensmittelhygieneverordnungen, Ökorichtlinien oder Gleichstellungsregeln zu verhandeln, hebe die Hand. Ach was, keine? Was soll sie denn noch dann, die Illusion, die Türkei könne Mitglied der Europäischen Union werden? 

Die Verhandlungen um den Beitritt sind das wahrscheinlich toteste politische Pferd, das je geritten wurde. Es gab schon: ein Assoziierungsabkommen (1963), Beitrittszusagen (1996), die Ausdehnung des europäischen Wirtschaftsrechts und der Zollunion (1996), die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen (2005). Was es während all der Zeit nie gab, war der Wille, die Sache zu vollenden, oder vielmehr: den Mut zu verkünden, dass die Hochzeit abgesagt ist. Die FAZ hat deshalb einerseits ganz Recht, wenn sie feststellt, dass die EU sich unglaubwürdig macht, wenn sie die Beitritts-Farce nicht endlich beendet.

Eine Abfuhr der EU wäre ein Gefallen für Erdoğan

Andererseits: Europa würde Erdoğan einen Gefallen tun, wenn es die Reißleine zöge. Der türkische Präsident würde nur zu gerne mit dem Finger auf Berlin oder Paris zeigen können und über das gebrochene Versprechen der Europäer toben dürfen. "Sie" wollten "uns" nicht, das wäre das hübsche Opfernarrativ, das türkische Nationalisten den nächsten Generationen verkaufen würden. Die EU kann daran kein Interesse haben. Ein paranoider Feindbildgenerator in Moskau reicht.

Außerdem: Prestigemotive wie "die Würde Europas" zahlen sich in der Außenpolitik wie im echten Leben selten aus. Aus Ehre mögen andere morden. Was wäre dann die richtige Reaktion darauf, dass sich ein EU-Beitrittskandidatenland in eine Diktatur verwandelt? Die EU wartet darauf, dass Erdoğan die Todesstrafe einführt, um einen Anlass für den Abschied zu haben. 

Doch den Prozess offiziell abzubrechen, ist schon jetzt notwendig – allein deshalb, weil die EU sonst anderen Beitrittsanwärtern wie der Ukraine schwer erklären könnte, warum sie selbst nicht ins Verfahren kommen. Außerdem ist die in der Türkei geschaffene Möglichkeit, Bürger ohne Anklage für fünf Jahre ins Gefängnis zu werfen, ein vergleichbarer Bruch mit Zivilisationsstandards wie die Todesstrafe.

Um Erdoğan allerdings keinen Grund zum innenpolitischen Jubeln zu gönnen, sollte die EU-Absage mit einer Offerte verbunden sein. Vor 15 Jahren wurde erstmals über die Idee einer "privilegierten Partnerschaft" der Türkei nachgedacht, also ein Minus zur Mitgliedschaft, aber ein Bekenntnis zur strategischen Wichtigkeit der Türkei. Der Gedanke war damals richtig, und er ist es – mit Abstrichen – auch heute noch. Die EU könnte im Rahmen einer solchen Kooperation viel tun, was Erdoğan schadet und den Türken nutzt.

Sie könnte beispielsweise kleine und mittlere Unternehmen unterstützen. Sie könnte Schüler- und Studentenaustauschprogramme anbieten und Bildung fördern. Sie könnte die Zivilgesellschaft, Kunst und Literatur und den Mittelstand stärken. Kurz: Sie könnte das Immunsystem stärken, das eine Gesellschaft braucht, um widerstandsfähig gegen eine Diktatur zu bleiben. Klar, eine solche vergiftete Offerte würde Erdogan wahrscheinlich ablehnen. Aber erstens müsste sich Europa dann nicht vorwerfen lassen, die Türkei ins Abseits geschoben zu haben. Und zweitens könnte sie trotzdem versuchen, jene Hälfte des türkischen Volkes bei Hoffnung zu halten, die sich ein anderes, europäischeres Land wünscht.