"Wir werden Sie da noch sehr überraschen!" sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Abschluss der gemeinsamen Pressekonferenz mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Pariser Élysée-Palast. Lange hatten sie über all die deutsch-französischen Projekte gesprochen, die sie zusammen verwirklichen wollen: ein neues Kampfflugzeug, eine Allianz für die Sahel-Zone, ein Erasmus-Plus-Programm für Lehrlinge. Richtig überraschend waren sie aber nicht. Was also hatten "Merkron" noch vor, was sie nicht sagten?

Als Merkel Überraschungen versprach, war sie bei der Vertiefung der Eurozone angelangt. Es war das letzte und größte Thema, denn es belastet seit Jahren die Beziehungen zwischen der deutschen und der französischen Regierung. Die Vorstellungen darüber, wie und ob der Euro und die Europäische Zentralbank in Zukunft von einer stärker integrierten europäischen Wirtschaftspolitik flankiert werden, gehen weit auseinander – gerade zwischen Merkel und Macron.

Schon im August 2015 hatte der französische Wirtschaftsminister, der kein anderer als Emmanuel Macron war, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung eine Wirtschaftsregierung für die Eurozone gefordert. Geführt werden sollte sie von einem europäischen Finanzminister, der "auch Investitionsmittel vergibt und in der Arbeitsmarktpolitik mitredet".

"Je höher sein Budget, desto glaubwürdiger wäre Europa", sagte Macron damals. Er wusste auch, wie der neue Euro-Minister demokratisch zu kontrollieren sei: "Das würde ein Euro-Parlament leisten – eine neue Kammer, die aus den Abgeordneten des Europäischen Parlaments besteht, deren Länder der Eurozone angehören."

Macron will Haushalt für die Eurozone

Macrons Vorschläge waren schon damals aufregend genug, um auch die Bundeskanzlerin während ihrer Sommerpressekonferenz zu beschäftigen. "Wir sollten in der Tat fragen, und da hat Herr Macron durchaus recht: Was brauchen wir? Da wird es sicherlich noch mehr Vorstellungen geben als die, die er heute geäußert hat", sagte Merkel. Als wäre Herr Macron nur einer von vielen, die Vorschläge machen. Vorschläge, um die sich eine Bundeskanzlerin nicht jedes Mal im Einzelnen kümmern kann.

An diesem Sommertag in Paris beschäftigen der gleiche Vorschlag und der gleiche Herr Macron die Bundeskanzlerin. Tatsächlich hatte Macron seine Meinung und sein Vorgehen nicht geändert. Zur Begrüßung der Kanzlerin gab er wieder ein Interview in einer deutschen Zeitung, dieses Mal in der Westdeutschen Allgemeinen. Darin wiederholte er seine Forderungen: "Wir benötigen in der Eurozone einen Haushalt, eine Regierung, die über die Verteilung dieses Budgets entscheidet, und eine demokratische Kontrolle, die so heute nicht existiert", sagte Macron. Er setzte in der Pressekonferenz mit Merkel sogar noch eins drauf: "Wir brauchen einen freiwilligen Masterplan für die Vertiefung der Eurozone bis zum Jahresende", sagte Macron.

Das aber schien mit der Kanzlerin noch nicht richtig ausdiskutiert. Oder war es das vielleicht doch? War dieser Masterplan die Sache, mit der uns Merkel und Macron "noch sehr überraschen werden"?

Merkel legt sich nicht fest

Genaueres war der Rede der Kanzlerin nicht zu entnehmen. Zwar verwies sie darauf, nie ausdrücklich gegen ein Budget für die Eurozone gewesen zu sein. Ein solches habe sie im kleineren Rahmen schon 2012 vorgeschlagen. Aber sie verwies zugleich auf ihr Scheitern bei dem Vorstoß. Das klingt so, als wolle sie es nicht noch einmal versuchen. Weiter sprach Merkel von "Methodik und Intensität" der Eurozonen-Vertiefung – die für sie aber offenbar ungeklärt blieben. Das hörte sich wieder an wie auf der Sommerpressekonferenz vor zwei Jahren.  

Insofern kam die Frage eines französischen Journalisten nicht überraschend, ob denn die deutsche Kanzlerin vor den Bundestagswahlen im September nicht einen genauso proeuropäischen Wahlkampf wie ihr französischer Partner Macron vor den zurückliegenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich führen wolle. Merkel wies die Frage ab: "Wir führen einen sehr proeuropäischen Wahlkampf!"

Offen blieb die Frage: Mit welchem deutsch-französischem Projekt?

In seinem Interview hatte Macron gefordert, "stärkere Solidaritätsmechanismen einzuführen". Er sagte: "Dies ist der Schlüssel zu einer beständigen Union. Wenn es in Frankreich keine Transferleistungen zwischen der Île-de-France und den ländlichen Regionen gäbe, würde die nationale Einheit nicht lange Bestand haben." Genau gegen solche Transferleistungen auf europäischer Ebene, etwa für Griechenland, wehrt sich Merkel aber seit Langem.

Wenn sie mit Macron nun doch anders plant, sollte sie es besser vor der Wahl im September sagen als hinterher. Denn auf Überraschungen will der deutsche Wähler gern verzichten.