Man muss nicht gleich bei den radikalen Globalisierungsgegnern mitlaufen, um das alles ein bisschen abartig zu finden: Zehntausende, die den G20-Gipfel gestalten, beobachten, schützen müssen oder wollen, hineingepfercht in dieses dann doch sehr kleine Hamburg. Da kann es niemanden wundern, wenn der Protest ähnliche Dimensionen erreichen will und die Teile der Stadt füllt, die ihm zugelassen sind. Am Ende haben die mächtigsten und weitere Politiker fein gespeist, auch mal kulturelle Ablenkung genossen und möglichst viel unter sich über die Details eines lange vorbereiteten Bekenntnisdokuments und andere Pläne gesprochen. Das Ergebnis sind einige publikumswirksame Versprechen, mittelprächtige Ideen, wie sie zu erfüllen wären, viele Worte und noch mehr Bilder, die zeigen, wer mit wem kann und wie es um die Welt steht: diesmal wohl nicht so gut.

Es ist nicht lange her, da funktionierten die G-Gipfel im Ideal ungefähr so und zunächst eine Nummer kleiner: Die G7, grob: die Gruppe der früher einmal stärksten Industrienationen, teilten Werte und Ziele zumindest so weit, dass ihre Treffen der Selbstvergewisserung dienen konnten, man sei auf dem richtigen Weg. Ohne sich dabei über alles einig zu werden: Ob Wachstum nun eher sparsam oder durch staatliche Investitionen zu gewährleisten sei, ist so ein Fall – aber geschenkt, darüber ließ sich dennoch immer reden.

Die gemeinsame Basis war ein fundamentaler Konsens über Demokratie und Rechtsstaat. So war es konsequent, Russland aus dem ursprünglichen Kreis der G8 auszuschließen, weil es spätestens mit der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ukraine gewaltsam daraus ausgebrochen war. Zugleich war klar: Diese Runde ist nicht nur in ihrer Zahl limitiert, allein kann sie global auch immer weniger erreichen. Größere Foren wie die G20, in denen China, aufstrebende Schwellenländer und eben auch Russland vertreten sind, wurden schnell wichtiger – so heterogen sie auch zusammengesetzt sind.

Damit aus Treffen wie dem in Hamburg in dieser Woche etwas wird, müssen die großen Player also an den Multilateralismus glauben: Gemeinsam sind wir stärker, so in etwa. Die Kleinen sind dazu ohnehin gezwungen. Mag dieser Prozess vielen auch nur teuer, frustrierend und in seiner Geschwindigkeit unbefriedigend erscheinen, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Einschätzung vor dem G20-Gipfel doch recht: "Wer glaubt, die Probleme dieser Welt mit Isolationismus und Protektionismus lösen zu können, der unterliegt einem gewaltigen Irrtum."

Unmissverständlich, dass damit Donald Trump gemeint ist, der sich nach seiner Maxime America first vielem verweigern dürfte, was die Gastgeberin in Hamburg gern vorantreiben möchte. Den US-Präsidenten etwa von der Dringlichkeit des Klimawandels zu überzeugen – damit war kürzlich schon die Runde der G7 gescheitert, und Trump stieg aus dem entsprechenden Abkommen aus. Überhaupt, der Mann hält sich nicht gern an Abmachungen, die er nicht selbst getroffen hat: Nur dann kann er schließlich behaupten, er habe den besten Deal für sein Land rausgeholt – ob das nun stimmt oder nicht.

Kompromisse organisieren und Interessen einbinden

Die G20 waren einmal von der Erkenntnis getragen, die vielen Ländern mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise brutal vor Augen geführt wurde: dass nämlich die völlige Deregulierung der Märkte gierigen Kräften ihren Lauf lässt, die eben nur so lange Stabilität und Wachstum garantieren, bis die Blase platzt. Und dass es niemandem hilft, die Risiken und Lasten immer nur dem jeweils anderen zuzuschieben.

Die Hoffnung, gemeinsames Handeln und abgestimmte Regeln könnten alle (ja, auch die Ärmsten) von der nicht mehr aus der Welt zu schaffenden Globalisierung profitieren lassen, trägt freilich nur so weit, wie sich Kompromisse organisieren und starke Interessen einbinden lassen: Der Protektionismus in all seinen Ausprägungen ist ein zäher Gegner, am Leben gehalten mitunter von jenen, die ihn mit Worten eigentlich begraben wollen. Was heute als Freihandel firmiert, ist nicht unbedingt das, was G20-Kritiker fair nennen würden, ebenso waren zwischen den Ländern die Ungleichgewichte lange vor Trump streitträchtig. Und die Versprechen der vergangenen Gipfel auf sämtlichen Feldern waren auch nie mehr als das: Im Zweifel musste sich kein Staat daran gebunden fühlen. Die Erwartung, hier könne der Planet gerettet werden, wenn nur alle den Willen dazu aufbrächten, war immer schon ein flüchtiger Traum. Manche halten die G20 denn auch nur für ein Machtinstrument der ohnehin schon Mächtigen.

Aber vermutlich gehen diese Gedanken, zumal für das Hamburger Treffen, schon zu weit. Denn nach der vergleichsweise schnellen und weitreichenden Reform der Finanzmärkte, den Verabredungen zu Wachstum und dem Abbau von Handelsbarrieren waren die G20 in den vergangenen Jahren sowieso nur mäßig vorangekommen. Koordinierte Währungs- und Haushaltspolitik, der Kampf gegen Korruption und Steuervermeidung, Entwicklungspartnerschaften – es waren oft schwerfällige Schritte, die teilweise eher von Ad-hoc-Allianzen oder einzelnen Ländern gegangen wurden als im großen Einverständnis. Und jetzt droht ein US-Präsident sondergleichen, nicht nur der Vertiefung der gemeinsamen Projekte mit breitem Kreuz im Wege zu stehen, sondern gleich den bisherigen (wenngleich schmalen) Konsens ganz abzuräumen.

Streit um Vorteile

Trump wäre in diesen Tagen beinahe besser als Rampensau auf der Bühne einer schrillen Antiglobalisierungsdemo vorstellbar, wenn es da nicht auch gegen den Kapitalismus ginge, als dass er den Geist der G20 verkörpern könnte – aber solche Widersprüche stören ihn ja nicht. Jedenfalls hat er längst damit begonnen, international vereinbarte Regulierungen wieder zurückzubauen, und ob es nun um Handel oder Flüchtlinge geht, sind Mauern und Macht seine Antwort – egal auf wessen Kosten. Trumps Berater für Nationale Sicherheit und Wirtschaft, Herbert Raymond McMaster und Gary Cohn, die vermeintlichen Erwachsenen hinter seiner rückwärtsgewandten Politik, feierten Ende Mai im Wall Street Journal die "Klarsicht" des Präsidenten. Der habe erkannt, dass "die Welt keine 'globale Gemeinschaft' ist, sondern eine Arena, in der Nationen, Nichtregierungsakteure und Unternehmen miteinander um Vorteile streiten."

Der russische Präsident Wladimir Putin – mit dem sich Trump in Hamburg zum direkten Gespräch zurückziehen will – mag bei der Lektüre zustimmend genickt haben, weil das Recht des Stärkeren gemeinhin sein einziger Kompass ist. Den Chinesen wird oft Ähnliches unterstellt, doch wenigstens erkennen sie langsam den Nutzen der Globalisierung und entdecken den Multilateralismus. Der US-Präsident hingegen sucht bewusst den Streit mit allen, denn er will seinen Anhängern vorspielen: Ich kämpfe für euch. Ihn beim Gipfel gehässig zu isolieren, liefert Trump nur die Opfer-Erzählung, die er braucht – und macht die G20 auch nicht handlungsfähiger. Vielleicht ist der größtmögliche Erfolg schon, wenn am Ende alles benannt ist, was an Gemeinsamkeiten noch da ist. Es wird nicht viel sein, aber es gilt zu retten, was zu retten ist.