Die Abschlusserklärung des Hamburger G20-Gipfels ist 15 eng bedruckte Seiten lang. Ausführlich befasst sie sich mit Handel und Investitionen, Überschussproduktion und Digitalisierung, Arbeitsplatzbeschaffung und internationaler Finanzarchitektur, Gesundheitsproblemen und Klimawandel, Entwicklungshilfe und Frauenermächtigung, Wasserknappheit und Lebensmittelsicherheit, Migration und Korruption – es gibt kaum eine Angelegenheit, die in dem wortreichen Schriftstück nicht vorkommt.

Umso mehr fällt es auf, das die gefährlichste und konfliktträchtigste weltpolitische Krise nicht mit einer einzigen Silbe erwähnt wird: Korea.

Drei Tage vor Beginn des G20-Gipfels hatte Nordkoreas Jungdiktator Kim Jong Un den elften Raketentest in diesem Jahr durchführen lassen. Diesmal wurde eine Hwasong-14 abgefeuert, eine ballistische Rakete von internationaler Reichweite. Die Fachleute sind sich einig, dass sie nicht nur Japan und den US-Luftwaffenstützpunkt Guam erreichen kann, sondern auch den amerikanischen Bundesstaat Alaska. Zwar ist noch unklar, wann die Nordkoreaner so weit sind, ihre Interkontinentalraketen mit einem Atomsprengkopf zu bestücken, doch gilt dies nur noch als eine Frage der Zeit.

Es war daher kein Wunder, dass die Staatsmänner zu rödeln begannen. Im Vorfeld des Hamburger Gipfels besuchte der neue südkoreanische Staatspräsident Moon Jae In Washington und Berlin, der japanische Premier Abe beriet sich mit Präsident Trump, in Moskau trafen sich Putin und Xi Jinping. Am Rande des Gipfeltreffens wurde die Zuspitzung der Lage auf der koreanischen Halbinsel in mehreren bilateralen Treffen erörtert.

Alle sprachen sich gegen Nordkoreas Atomprogramm aus und kündigten erhöhten Druck auf das Regime in Pjöngjang an. Doch zugleich war nicht zu verkennen, dass die Vorstellungen Chinas, Russlands, Japans, der Vereinigten Staaten und Südkoreas über eine Lösung des bedrohlichen Konflikts weit auseinandergehen.

Erprobung von Interkontinentalraketen? Donald Trump hatte vor wenigen Monaten noch bramarbasiert: It won’t happen. Jetzt ist es gleichwohl geschehen. Amerikaner und Südkoreaner haben als demonstrative Antwort selber einige Raketen ins Japanische Meer geschossen. Bei einem Luftwaffenmanöver übten sie die Zerstörung von Raketenabschussrampen und Präzisionsschläge gegen unterirdische Kommandoposten. Trump hütete sich jedoch, irgendeine rote Linie zu ziehen, deren Überschreitung ihn zum militärischen Handeln zwänge. Er baut auf den Erfolg weiterer Sanktionen und hofft noch immer, dass die Chinesen ihm die Arbeit abnehmen, Kim Jong Un zum Verzicht auf sein Atomwaffenprojekt zu bewegen.

So twitterte Trump nach dem jüngsten Raketentest: "Es fällt schwer zu glauben, dass Südkorea und Japan sich damit noch länger abfinden werden. Vielleicht wird ja China den Druck auf Nordkorea schwer erhöhen und dem Spuk damit ein für alle Mal ein Ende setzen."

Vor einer militärischen Intervention warnen Trump vor allem seine Generäle – wegen der verheerenden Konsequenzen, die Nordkoreas Vernichtungsschläge für Südkorea hätten, dessen Elf-Millionen-Hauptstadt Seoul in Reichweite von mehreren Hundert Artilleriegeschützen des Nordens liegt.

Die Chinesen werden allerdings den Teufel tun, Trump nach seinen Vorstellungen zur Hand zu gehen. Sie sind zwar auch gegen nordkoreanische Atomwaffen, aber stärker noch ist ihre Abneigung gegen eine koreanische Einheit, die amerikanische Truppen bis an den Grenzfluss Yalu brächte. Aus diesem Grunde werden sie die Sanktionen nie so weit treiben, dass das nordkoreanische Regime zusammenbricht.

Wie Putin ist Xi Jinping dafür, dass Kim seine Atom- und Raketentests einstellt, gleichzeitig sollen Südkoreaner und Amerikaner aber ihre Militärmanöver beenden. Die Chinesen sind obendrein vehement gegen die Thaad-Raketenabwehr, deren Aufstellung die USA in Südkorea begonnen haben.