"Anführer der freien Welt": Sie, die Bundeskanzlerin, will von diesem Titel eigentlich nichts hören. Obwohl Angela Merkel um die Verantwortung weiß, die Deutschland nicht von ungefähr angetragen wird. "Machtpolitische Bedeutung erwächst aus wirtschaftlicher, militärischer und zivilisatorischer Stärke", sagte sie im Interview mit der ZEIT. Aber auf allen drei Gebieten seien die USA eben immer noch Weltmacht.

Nur, das hielt Merkel auch fest: Die US-Regierung wolle "nicht mehr per se die Ordnungsmacht für alle Regionen der Welt sein". Zu ersetzen sind die USA vorerst nicht. Also bleibt der Kanzlerin nicht viel übrig, als ihren Einfluss geltend zu machen, möglichst viele Kräfte an einen Tisch zu bringen und einvernehmliche Beschlüsse zu fassen: in Europa genauso wie als Gastgeberin des G20-Gipfels.

Plötzlich feiert Trump "ein starkes Europa"

Er, der US-Präsident, hat die Rolle des Anführers einer idealisierten freien Welt gerade erst für sich entdeckt – zumindest, wenn man der Rede glaubt, die Donald Trump auf dem Weg nach Hamburg in Warschau vorgetragen hat. Ob man das tun sollte, ist eine andere Frage. Aber immerhin, er spricht davon: Plötzlich ist "ein starkes Europa" für Trump "ein Segen für den Westen", den er dann auch noch als "Gemeinschaft von Nationen" feiert, wie sie die Welt niemals zuvor gesehen habe.

Trump fiel es in Polen plötzlich überhaupt nicht mehr schwer, sich klar zur Beistandspflicht der Nato zu bekennen – nicht, ohne erneut zu fordern, die Europäer müssten selbst mehr für ihre Verteidigung leisten. Und es blieb nicht bei Worten: Die USA verkaufen weitere Patriot-Raketen an Polen, das ja zu den osteuropäischen Ländern gehört, die eher mit Furcht als mit freundschaftlichem Wohlwollen nach Russland schauen. Den Absatz von US-Flüssiggas in Europa will Trump ebenfalls ausbauen, durchaus mit dem Ziel, Europas Abhängigkeit von Russland zu verringern.