Die britische Premierministerin Theresa May geht auf die Opposition zu. In einer Rede in London forderte sie alle Parteien im Unterhaus auf, beim Brexit Ideen und Ansichten beizusteuern, wie diese Herausforderung bewältigt werden kann. Das sei ein Markenzeichen der parlamentarischen Demokratie. Die Opposition solle daher nicht nur kritisieren, sondern auch etwas beitragen, um einen besseren Weg zu finden. May hielt fest: Die Realität, mit der sie es jetzt als Premierministerin zu tun habe, sei, verglichen mit dem Zeitpunkt ihres Amtsantritts, sehr anders.

Beim Brexit-Votum der Briten im vergangenen Jahr sei es nicht nur um den Austritt aus der EU gegangen, sagte May wenige Tage vor dem Jahrestag ihres Amtsantritts am 13. Juli. Es habe sich stattdessen um einen "Ruf nach tiefem und profundem Wandel" gehandelt. Sie wolle sich deshalb stärker für die Rechte von Arbeitnehmern einsetzen, sagte die Premierministerin. May reagierte damit auf das gute Abschneiden der sozialdemokratischen Labour-Partei bei der Wahl. Labour-Chef Jeremy Corbyn fordert seit Langem ein Ende der Sparpolitik und eine Stärkung von Arbeitnehmerrechten.

May war vor knapp einem Jahr für den zurückgetretenen David Cameron ins Amt gekommen und hatte für Juni vorgezogene Neuwahlen ausgerufen. Die Wähler bauten jedoch nicht wie von der Regierungschefin erhofft den Vorsprung der Konservativen Partei aus. Vielmehr verloren die Tories ihre Regierungsmehrheit, May führt mittlerweile nur noch eine Minderheitsregierung und sieht sich seither auch Rücktrittsforderungen aus den eigenen Reihen ausgesetzt. Auch daher ist sie auf die Zusammenarbeit der anderen Parteien angewiesen.

May nahm bereits einige umstrittene Wahlversprechen zurück. Darunter ist eine Reform der Sekundarschulen und der Plan, Ältere mehr für ihre Langzeitpflege zahlen zu lassen. Auch deutete sie eine kompromissbereitere Linie bei den Brexit-Verhandlungen an.

Bei den Verhandlungen mit Brüssel verfolgte May bisher eine harte Linie, die dazu führen könnte, dass Großbritannien die EU notfalls ohne Abkommen verlassen würde. Inzwischen mehren sich die Stimmen auch in ihrer eigenen Partei, die eine weiterhin enge Anbindung an die EU befürworten, um den Schaden für die britische Wirtschaft so gering wie möglich zu halten. Am Montag bildete sich eine parteiübergreifende Fraktion, die für den Erhalt der "engstmöglichen Beziehung" zur EU eintritt. Den gemeinsamen Vorsitz haben der Labour-Abgeordnete Chuka Umunna und die konservative Ex-Ministerin Anna Soubry – beides vehemente EU-Befürworter.

May räumte ein, sie habe sich ein anderes Wahlergebnis gewünscht und griff auf ihre erste Rede als Premierministerin zurück. Sie wolle eine neue positive Rolle für ihr Land in der Welt. Großbritannien solle ein Land werden, "das nicht nur für ein paar Privilegierte funktioniert, sondern für jeden von uns", sagte sie.

Bereits am Donnerstag könnte Berichten zufolge eines der wichtigsten Gesetzesvorhaben Mays ins Parlament eingebracht werden. Mit dem Great Repeal Bill soll die unmittelbare Gültigkeit von EU-Recht in Großbritannien beendet werden. Gleichzeitig will die Regierung Tausende von EU-Verordnungen in nationales Recht überführen. Das ist eine Mammutaufgabe, bei der May mit viel Widerstand im Parlament rechnen muss.