Was bleibt, ist dieser Schnappschuss in schwarz-Weiß. Das Bild des Handschlags zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand in Verdun, im September 1984, wird überdauern. An jenem Ort, an dem die Völker unserer beiden Länder sich am heftigsten bekämpften, entschieden unsere Staatschefs damals: Es ist Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Welcher der beiden die Idee dafür hatte, wer damals die Initiative ergriff, ist heute unwichtig. Was überdauert, ist das bedingungslose Verzeihen der Fehler, die Vergebung des Leids, das sich die beiden Völker gegenseitig angetan haben. Ohne dieses gegenseitige Wohlwollen wäre das heutige Europa ein vollkommen anderes: Es gäbe keinen Schengenraum, keine gemeinsame Währung und weniger Austausch zwischen Europäern.

Heute, 2017, erscheint ein Schritt wie jener, den die beiden Staatschefs damals taten, weit entfernt. Aber mehr als je zuvor haben wir es nötig, uns zu vergeben und wieder gegenseitig die Hand zu reichen. 

Seit zehn Jahren ist unser Kontinent in Bedrängnis: In den tumultartigen Zuständen, die durch die vielen Krisen seit 2008 ausgelöst wurden, haben wir uns gegenseitig beschuldigt, gegenseitig bestrafen wollen, haben uns nicht verstanden. Das Fundament, auf dem die Europäische Union fußt, wackelt. Große Teile der Bevölkerung und auch der Eliten haben begonnen zu glauben, dass uns mehr unterscheidet als wir gemeinsam haben. Dass es einfacher wäre, abzulassen von unserem gemeinsamen Projekt, dass unsere Fehler zu groß gewesen seien, als dass wir sie gemeinsam überwinden könnten.

Wie kann es sein, dass wir an diese Stelle gekommen sind? Und, vor allem, welche Art von Krisen hat uns hierhin geführt? 1984 haben wir uns die auf beiden Seiten zerrissenen Leben, unsere Toten verziehen. Seit 2008 streiten wir uns um Wirtschaftliches: Märkte und Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts.

Helmut Kohls Welt ist dabei, zu sterben

Auf den Zeremonien im Gedenken Helmut Kohls an diesem Wochenende hielten die heute verantwortlichen Politiker schöne und große Reden. Die sind nötig. Aber noch nötiger ist es, dass wir uns den Herausforderungen der heutigen Zeit konkret stellen können. 

Die alte Welt, die nach dem Mauerfall 1989 entstand, die der verstorbene deutsche Kanzler mitgeformt hat, ist dabei, zu sterben. Ein Land, das Vereinigte Königreich, schickt sich an, die Europäische Union zu verlassen; das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten ist unsicher geworden; Russland träumt sich an den Kopf eines neuen Reichs und andere Kräfte erstarken überall auf der Welt. 

Im kommenden Herbst werden Frankreich und Deutschland beide frisch gewählte Staatsoberhäupter haben. Die Wahlkalender auf beiden Rheinseiten überschneiden sich, zum ersten Mal seit 2002. Es ist eine einmalige Gelegenheit, um diese vom vergangenen Jahrzehnt gebeutelte Union wieder auf die Beine zu bringen und die Bürger wieder ans Herz des Projekts heranzuführen. 

Giganten wie Kohl und Mitterrand verschwinden im Laufe der Zeit. 2011 hat Europa bereits Vaclav Havel verloren. Es wird Zeit, dass eine neue Generation Europa anführt, die sich nicht damit zufrieden gibt, kleinteilig das Erbe der Union zu verwalten. Eine Generation, die sich als Architekten für unseren Kontinent betrachtet, die sich den Herausforderungen stellt, die uns bevorstehen. Auch wenn sich Frankreich und Deutschland diesen Herausforderungen nicht allein werden stellen können, wird keine von ihnen ohne sie überstanden werden.

Dieser Text erscheint im Namen der gesamten Contexte-Redaktion.

Aus dem Französischen übersetzt von Hannes Schrader