Der Anführer der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS), Abu Bakr al-Bagdadi, ist nach Angaben von Aktivisten tot. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte haben dies hochrangige IS-Führer in der syrischen Provinz Deir Essor bestätigt. Die oppositionsnahe Organisation stützt sich auf ein Netz von Aktivisten und Informanten in Syrien. Ihre Angaben können in der Regel von unabhängiger Seite nicht überprüft werden, gelten aber als glaubwürdig. Auch irakische Medien berichteten von einer Bestätigung durch IS-Mitglieder.

Die Provinz Deir Essor im Osten Syriens befindet sich derzeit größtenteils unter Kontrolle des IS – noch. Al-Bagdadi habe sich in den vergangenen Monaten in östlichen Bezirken der Provinz aufgehalten, sagte der Leiter der Beobachtungsstelle in Großbritannien, Rami Abdel Rahman. Es sei aber unklar, ob der 46-Jährige dort oder an einem anderen Ort getötet worden sei. Unsicher sei auch, ob Al-Bagdadi bei einem neuen Luftangriff oder an den Folgen von früheren Verletzungen gestorben sei, sagte Abdel Rahman.

Das US-Militär sah sich außerstande, den Tod des IS-Führers zu bestätigen oder zu dementieren. Der Kommandeur des Anti-IS-Bündnisses, General Stephen Townsend, sagte in einer Presskonferenz: "Ich weiß es wirklich nicht."

Das russische Verteidigungsministerium hatte bereits am 16. Juni mitgeteilt, dass Al-Bagdadi möglicherweise Ende Mai bei einem russischen Luftangriff in Syrien getötet worden sei. Al-Bagdadi habe sich an dem Abend mit anderen Anführern des IS getroffen. Sie sollen Routen geplant haben, um die umkämpfte Stadt Rakka zu verlassen. Das russische Militär habe von der Beratung erfahren und Drohnen gestartet, um das Gebiet zu überwachen. Dann hätten Kampfflugzeuge angegriffen. Die USA seien von dem geplanten Einsatz in Kenntnis gesetzt worden. Die US-geführte Koalition konnte die Angaben damals ebenfalls nicht bestätigen.

Der Aufenthaltsort Al-Bagdadis war immer wieder unklar. Nur selten trat der selbst ernannte "Kalif Ibrahim" in der Öffentlichkeit auf. Am bekanntesten ist sein Auftritt Ende Juni 2014, wenige Tage nach Ausrufung des Kalifats. Völlig überraschend tauchte er damals in einer Moschee in der nordirakischen Stadt Mossul auf, wo er die Freitagspredigt hielt. Danach aber zeigte er sich nicht mehr und wandte sich auch nur selten in Botschaften an seine Anhänger – zumeist, wenn es Gerüchte über seinen Tod gab.

Seit November kein Lebenszeichen

Al-Bagdadi wurde 1971 in der irakischen Stadt Samarra geboren. An der Universität Bagdad machte er einen Abschluss in Islamischen Studien. Nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 saß er eine Zeit lang in einem US-Gefängnis im Irak. Experten vermuten, dass er sich in dieser Zeit entscheidend radikalisierte.

2010 übernahm Al-Bagdadi die Führung des Al-Kaida-Ablegers im Irak, der damals noch "Islamischer Staat im Irak" hieß. Die Gruppe begann daraufhin, auch Gebiete in Syrien zu erobern. Dabei brach Al-Bagdadi mit Al-Kaida. Mit der Ausrufung des Kalifats im Juni 2014 benannte sich die Terrormiliz in "Islamischer Staat" um.

Wegen des Angriffs des irakischen Militärs auf Mossul, aus dem der IS inzwischen vertrieben ist, soll sich Al-Bagdadi nach Rakka in Syrien abgesetzt haben. Rakka wurde vom IS zur Hauptstadt ernannt, die Dschihadisten stehen dort ebenfalls vor einer militärischen Niederlage: Eine Allianz von kurdischen Truppen greift die Stadt seit Anfang Juni an, nachdem sie Rakka monatelang umzingelt hatte.

Al-Bagdadis letztes Lebenszeichen stammt vom vergangenen November, kurz nach Beginn der Offensive Mossul: In einer im Internet verbreiteten Audiobotschaft rief er damals seine Anhänger zum Durchhalten auf.