Pünktlich um 12 Uhr ist die Brücke der Märtyrer des 15. Juli in Istanbul für den Verkehr gesperrt. Kein Lkw, Motorrad oder Auto soll den Marsch für die nationale Einheit stören, der am Abend mit Tausenden Teilnehmern über die Brücke führen wird. Die eineinhalb Kilometer lange Verbindung, die den blau funkelnden Bosporus überspannt, hieß vor einem Jahr noch Bosporus-Brücke. Das änderte sich, nach dem am 15. Juli 2016 ein Teil des Militärs versuchte, die Regierung zu stürzen. Dutzende Soldaten sperrten die Brücke ab, Zivilisten stellten sich ihnen entgegen, erst zurückhaltend, dann immer selbstbewusster. Der Staatsstreich scheiterte, allein auf der Brücke gab es 32 Tote. Insgesamt starben in der Türkei bei dem Putschversuch in wenigen Stunden 249 Menschen, 2.000 wurden verletzt.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan hielt am Abend eine Rede auf der Brücke, die eine so wichtige Rolle bei dem gescheiterten Putsch hatte. Zehntausende Anhänger kamen zu der Veranstaltung. "Wir werden diesen Verrätern den Kopf abreißen", rief Erdoğan an die Hintermänner der Putschisten gerichtet. Der türkische Präsident soll auf der Brücke auch ein Denkmal für die Opfer einweihen, damit sie niemals vergessen würden. Eine bessere Bühne, um seine Anhänger auf sein neu geschaffenes Präsidialsystem einzuschwören, gibt es für den Präsidenten am Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei nicht. Erdoğan braucht auf der einen Seite die Erzählung von den Helden, die den Putsch bekämpft haben, und von den Gegnern auf der anderen Seite, die überall lauern und ihn stürzen wollen.

"Ich dachte, die wollen auf uns schießen"

Am ersten Jahrestag bemüht sich die AKP-Regierung deshalb sichtlich, die Heldenmomente nicht vergessen zu lassen. In Istanbul und Ankara sind Bühnen mit Boxen aufgebaut, Männer, Frauen und Kinder haben sich die türkische Flagge umgehängt. Fernsehbilder aus Helikoptern lassen die Menschenmassen wie ein rotes Meer wirken. Öffentliche Verkehrsmittel können in der Metropole am Wochenende kostenlos genutzt werden. Der Mobilfunkanbieter Turkcell schenkt für den Anlass seinen Kunden Extraminuten und Datenvolumen. Wer durch die Nachrichtensendungen schaltet, sieht Journalisten, die erzählen, wie sie den Putschversuch erlebten. "Ich zog den Vorhang zur Seite und sah einen Helikopter, der genau auf unserer Fensterhöhe war. Ich erkannte Soldaten und dachte, die wollen auf uns schießen. Wir rannten schnell aus der Redaktion", sagt ein CNN-Türk-Reporter.

Während Verkehrspolizisten noch am Nachmittag damit beschäftigt sind, die Brücke zu sperren, findet in Ankara eine Sondersitzung im Parlament statt. Parlamentspräsident İsmail Kahraman holt noch einmal aus und erinnert daran, wie Präsident Erdoğan zum Widerstand gegen die Putschisten aufrief – und wie tausende Menschen ihm folgten, auf die Straßen gingen und damit eine von den Putschisten ausgerufene Ausgangssperre ignorierten. "Wir mögen verschiedene Ansichten haben, aber am Ende ballen wir alle gemeinsam eine Faust. Das hat der 15. Juli bewiesen", sagt er und schaut in Richtung der Abgeordneten von der größten Oppositionspartei CHP. 

Worüber er kein Wort verliert, ist, dass der gescheiterte Putsch zum Anlass genommen wurde, um auch gegen regierungskritische Akademiker, Journalisten und Linke vorzugehen. Inzwischen wurden insgesamt mehr als 50.000 Menschen festgenommen, viele warten noch auf ihre Anklage. 110.000 Staatsangestellte wurden suspendiert, wegen angeblicher Verbindungen zu dem Prediger Fethullah Gülen oder wegen angeblicher Terrorunterstützung. Und der Parlamentspräsident spricht auch nicht über die Aufklärung des Putschversuches, dessen Hintergründe immer noch weitgehend unklar sind.