ZEIT ONLINE: Herr Al-Kadhi, Sie sind in Taizz, der drittgrößten Stadt des Jemen. Wie ist die Lage dort?

Mohammed al-Kadhi: In Taizz haben wir seit Ausbruch des Krieges 2015 die härtesten Kämpfe und die brutalste Gewalt erlebt. Die Stadt wird von den schiitischen Huthis und deren Verbündeten belagert. Es gibt Luftangriffe und fast jeden Tag Tote und Verwundete durch die vielen Kämpfe. Die Stadt ist blockiert, abgeriegelt. Die Menschen kommen nur sehr schwer hinein und heraus. Für die Zivilisten wird es immer dramatischer. Sie leben in ständiger Todesangst vor den Bomben und dem Beschuss. Es gibt keinerlei Sicherheit mehr, nicht zu Hause, nicht auf der Straße. Die Menschen können jederzeit überall in die Kämpfe und Schießereien geraten.

Die vom Iran unterstützen Huthis kontrollieren große Teile vor allem im Norden und Westen des Jemen. Sie kämpfen gegen die Truppen des international anerkannten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi. Seit März 2015 bombardiert eine von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition Stellungen der Huthis. Und man kann sagen: Taizz ist eines der Hauptschlachtfelder dieses Kriegs. Hier stehen sich die Huthi-Milizen und deren Unterstützer aus den Reihen von Ex-Präsident Ali Abdullah Salih sowie deren Widersacher gegenüber.

ZEIT ONLINE: Warum ist gerade Taizz so hart umkämpft?

Al-Kadhi: In der Provinz Taizz leben insgesamt rund vier Millionen Menschen. Das Gebiet gilt als strategisch wichtig, weil es das Tor zum Süden markiert. Die Huthis wollen Taizz also mit aller Macht unter ihrer Kontrolle behalten, damit sie so einen wichtigen Durchgang zum Süden des Jemen besetzen können. Die Regierung will Taizz aus den gleichen Gründen unter ihre Kontrolle bekommen.

Taizz spielte eine wichtige Rolle bei der Revolte gegen Ex-Präsident Salih, sie war die wichtigste Stadt während des Aufstandes gegen die damalige Regierung 2011. Hier gab es auch den größten Widerstand, als die Huthis die Hauptstadt Sanaa einnahmen. Viele Beobachter vermuten, dass sich die Huthis nun mit ihren brutalen Kämpfen an den Menschen in Taizz rächen wollen.

ZEIT ONLINE: Wie geht es den Menschen?

Al-Kadhi: Es gibt zu wenig Nahrungsmittel und kein sauberes Wasser und Trinkwasser mehr. Die Menschen sind gänzlich abhängig von den Lieferungen der lokalen und internationalen Hilfsorganisationen. Die Huthis haben die Hilfsgüter anfangs konfisziert. Jetzt gibt es zwar immer mal wieder Pakete mit Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln, aber sie sind bei Weitem nicht ausreichend.

Zudem hat der lange Krieg im Jemen überall spürbare Folgen. Das ohnehin arme Land ist mittlerweile wirtschaftlich am Ende, die Menschen haben Hunger, viele leben in großer Armut und müssen betteln. Die meisten Jemeniten haben ihre Arbeit und damit ihre gesamte Existenz verloren. Aber die Kriegsparteien kümmert das nicht. Sie bemühen sich nicht, die Lage für die Zivilisten zu verbessern.

ZEIT ONLINE: Im Jemen sind im vergangenen Jahr etwa 9.000 Menschen getötet worden, Tausende waren Zivilisten. Zusätzlich breitet sich seit einigen Monaten die Infektionskrankheit Cholera aus. Inzwischen sind etwa 231.000 Menschen an Cholera erkrankt. Mehr als 1.400 Menschen sind an den Folgen der Krankheit gestorben.

Al-Kadhi: Das ist ein verheerender Verlauf. Wir haben auch in Taizz Cholera-Patienten, Dutzende Menschen sind infiziert. Sie leiden unter heftigem Durchfall und Erbrechen, viele sind dehydriert, was sehr gefährlich ist. Zum Glück gibt es noch nicht sehr viele Tote. Auf dem Land hingegen ist die Lage dramatischer. Dort gibt es keine medizinische Versorgung mehr, die Infrastruktur ist wegen der vielen Kämpfe komplett zerstört.

Die Epidemie war nicht mehr einzudämmen

ZEIT ONLINE: Wie sehr wirkt sich der Krieg auf die Epidemie aus?

Al-Kadhi: Der Krieg hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Epidemie nicht mehr einzudämmen war. Schon zu Beginn des Jahres haben Hilfsorganisationen vor einer Katastrophe gewarnt. Cholera wird ja vor allem durch verseuchtes Trinkwasser verbreitet. Durch den Krieg ist die Wasserversorgung stark beeinträchtigt, das Gesundheitssystem ist komplett zusammengebrochen. Der Staat ist quasi bankrott und kann die Löhne seiner Angestellten nicht mehr bezahlen, auch nicht die Honorare der Ärzte in den wenigen noch erhaltenen staatlichen Gesundheitseinrichtungen. Cholera lässt sich eigentlich gut behandeln. Doch im Jemen hat sie katastrophale Folgen, vor allem für die Kinder. Jeden Tag erkranken Hunderte Menschen daran.

ZEIT ONLINE: Wodurch wird die Behandlung erschwert?

Al-Kadhi: Im Jemen findet sich derzeit alles, was die Verbreitung der Krankheit befördert. Weil keine Honorare mehr gezahlt werden, hatte auch die Müllabfuhr lange gestreikt, noch immer liegt in den meisten Städten Müll herum, auch bei uns stapelt sich der Abfall in den Straßen. Das Wasser ist verdreckt, es gibt keinen Strom. Hinzu kommt, dass die Helfer, die medizinische Geräte und Medikamente bringen wollen, viel Zeit an den vielen Checkpoints verlieren.

Die Mitarbeiter von WHO und Unicef versuchen nun gemeinsam mit anderen internationalen Hilfsorganisationen, die Epidemie unter Kontrolle zu bekommen. Sie versorgen die Patienten mit Medikamenten, schulen Ärzte und Krankenschwestern, klären die Jemeniten über Hygienemaßnahmen auf. Sie versuchen, sich um die Patienten zu kümmern, so gut es geht.  Aber die Epidemie übersteigt ihre Kapazitäten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.