Boomland China, Retter der Weltwirtschaft, vorbildlicher Einparteienstaat – so oder ähnlich klangen 2008 die Lobeshymnen auf die Volksrepublik, deren Hauptstadt Peking in jenem Jahr die Olympischen Spiele austrug. Die meisten Beobachter waren sich damals einig: Unterm Strich waren das gute Spiele. Für die Chinesen. Denn sie konnten zeigen, dass sie zu mehr imstande waren, als nur billig Spielzeug und iPods nachzubauen. Sie wussten nun auch Großevents auf Weltniveau abzuhalten. Und viele andere Länder freuten sich, dass neben den USA eine weitere Supermacht die Weltbühne betreten hatte.

Wäre da nicht ein Schriftsteller gewesen, der inmitten dieser Huldigungen "auf den Wiederaufstieg einer großen Nation" die Kehrseiten Chinas aufzeigte. Liu Xiaobo schrieb über die Chinesen, die unter den korrupten Parteisekretären zu leiden hatten, über die Lügen und die Doppelmoral der regierenden Kommunistischen Partei. Dieser Dichter, Menschenrechtler und Mahner, der für seine kritischen Schriften 2010 den Friedensnobelpreis erhielt, ist nach einer schweren Krebserkrankung an diesem Donnerstag im Universitätskrankenhaus der nordostchinesischen Stadt Shenyang gestorben.  

Liu Xiaobo wurde gerade einmal 61 Jahre alt, von denen er 18 in Haft verbringen oder Zwangsarbeit leisten musste. Mit seinem Tod verliert die Welt einen der prominentesten Kritiker des chinesischen Systems – und einen wichtigen Chronisten und Zeitzeugen der jüngeren chinesischen Geschichte.

Schlüsselfigur der Tiananmen-Proteste

Er schrieb über die Ausbeutung von Millionen von Wanderarbeitern, die zu niedrigen Löhnen die wahren Helden des chinesischen Wirtschaftswunders waren. Er tat dies in einer klaren und unverblümten Sprache, wie sie für chinesische Dichter bis heute untypisch ist – nahe dran an der gesellschaftlichen Realität und für all jene ein Augenöffner, die sich von den vielen neuen blinkenden Wolkenkratzern und Shoppingmalls haben blenden lassen.

Bereits in seiner Kindheit musste er am eigenen Leib erleben, wie drakonisch das kommunistische Regime seine ideologischen Vorgaben umsetzte. Kurz nachdem Diktator Mao Zedong 1966 die "Große Proletarische Kulturrevolution" ausrief, wurden seine Eltern und er in eine Volkskommune aufs Land geschickt. Als sogenannte verwöhnte Städter sollten sie nun das in den Augen der Maoisten wahre Leben kennenlernen. Vier Jahre mussten sie dort ausharren.

Nach dem Tod Maos und dem Beginn der Öffnungs- und Reformpolitik unter Deng Xiaoping studierte und lehrte Liu Xiaobo Literaturwissenschaften in Peking mit Aufenthalten in Oslo, Hawaii und New York. Bei den Demokratieprotesten 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens war er eine der Schlüsselfiguren. Als in der Nacht auf den 4. Juni Panzer auffuhren und damit begannen, die Proteste blutig niederzuschlagen, bewahrte er etliche Aktivisten vor dem Tod, indem er auf sie einredete, sich ja nicht selbst aufzuopfern. Dieses Engagement brachte ihm seine erste Gefängnisstrafe ein. Er musste für zwei Jahre in Haft.