Die Lebensgefährtin des in der Türkei inhaftierten deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner hat die gegen ihn erhobenen Terrorvorwürfe scharf zurückgewiesen. "Diese Unterstellungen sind total absurd", sagte Steudtners Partnerin Magdalena Freudenschuss der Deutschen Presse-Agentur in Istanbul. "Sie sind fast das Gegenteil dessen, wofür Peter und Ali und die anderen Menschenrechtsverteidiger mit ihrer Arbeit stehen: für Gewaltfreiheit, für den Einsatz für Menschenrechte."

Der 45-jährige Berliner war zusammen mit seinem schwedischen Kollegen Ali Gharavi und acht weiteren türkischen Menschenrechtlern bei einem Workshop in Istanbul festgenommen worden. Darunter war auch die Landesdirektorin von Amnesty International, Idil Eser. Am Dienstag verhängte ein Richter Untersuchungshaft gegen sechs der zehn Beschuldigten, denen Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen wird. Unter den Inhaftierten sind Steudtner, Gharavi und Eser. Die beiden Ausländer waren Referenten bei dem Workshop.

Freudenschuss sagte: "Peter und sein Kollege machen natürlich vor Trainings immer auch eine Risikoanalyse. Aber die war in diesem Fall so, dass sie das so eingeschätzt haben, dass es in Ordnung ist, zu fahren und dieses Seminar zu geben. Zumal die Inhalte ja in keiner Weise politisch waren." Bei dem Workshop sei es um IT-Management und Datensicherheit gegangen. "Sie haben außerdem in diesem Training Einheiten zu Stress und Trauma gemacht." Dabei seien zum Beispiel Entspannungsübungen in Belastungssituationen behandelt worden.

Freudenschuss sagte, sie hoffe, dass es der Bundesregierung gelinge, "auf diplomatischem Weg die Freilassung dieser Menschenrechtsverteidiger und -verteidigerinnen und auch Peters zu erreichen". Die Inhaftierung sei eine schwere Belastung für die Familie, der auch zwei Kinder angehören. "Es fehlt jemand. Es fehlt ein Vater, der vorliest, es fehlt jemand, der zum Reden da ist, der zuhört, der mit uns lacht. Es fehlt jemand, der den Alltag mitträgt."

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International rief die internationale Staatengemeinschaft zum Handeln auf. "Alle Staats- und Regierungschefs sind gefordert, Druck auszuüben, damit Idil Eser und die anderen Menschenrechtsverteidiger sofort und bedingungslos freigelassen werden", sagte der Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland, Markus N. Beeko. Amnesty International werde sich durch diese eklatante Missachtung von internationalen Menschenrechtsstandards aber weder einschüchtern noch entmutigen lassen.

Insgesamt 22 Deutsche festgenommen

Die Bundesregierung solidarisierte sich mit Steudtner. "Wir sind solidarisch mit Peter Steudtner, der ungerechtfertigt in türkischer Haft sitzt", twitterte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Bundesregierung werde sich "auf allen Ebenen für ihn einsetzen".

Zuvor war bekannt geworden, dass seit dem Putschversuch in der Türkei insgesamt 22 Deutsche in dem Land festgenommen wurden. Das geht aus einer Antwort des Auswärtigen Amtes auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu hervor. Betroffen seien sowohl Doppelstaatsbürger als auch Menschen, die ausschließlich den deutschen Pass besitzen. Den Angaben zufolge wurden 13 Betroffene wieder aus der Haft oder dem Polizeigewahrsam entlassen. Eine regelmäßige konsularische Betreuung sei "bei allen Inhaftierten gewährleistet, soweit darauf ein völkerrechtlicher Anspruch besteht, in einzelnen Fällen auch darüber hinaus". Bei Doppelstaatsbürgern besteht kein völkerrechtlicher Anspruch auf eine konsularische Betreuung.

Schulz attackiert Merkel

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu deutlichen Worten gegen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf. Die Grenze dessen, was man tolerieren könne, sei überschritten. Dazu könne man nicht mehr schweigen. "Auch die Regierungschefin unseres Landes nicht", sagte Schulz. "Was in der Türkei zur Zeit abläuft, ist unerträglich und überschreitet alle Grenzen. Herr Erdoğan ist dabei, den Rechtsstaat abzubauen."

Aus Sicht von Grünen-Chef Cem Özdemir schadet die Türkei mit den jüngsten Verhaftungen auch ihrer Wirtschaft. "Man muss Ankara deutlich machen, dass sie den Ast, auf dem sie sitzen, gefährden", sagte der Spitzenkandidat der Grünen. Die Türkei sei auf gute wirtschaftliche Beziehungen zur EU angewiesen. "Ich sehe nicht, wie man in diesem Land sicher investieren kann." Es sei überfällig, dass die Bundesregierung ihren "Kuschelkurs" beende und deutliche Worte finde. "In der Türkei gilt keine Rechtssicherheit, für niemanden."