Am 20. März 2017 betritt Fulden Funda Yilmaz, eine junge Frau mit gewellten, braunen Haaren, das Rathaus in Buchs, einem 10.000-Einwohner-Ort 30 Minuten westlich von Zürich. Sie setzt sich auf einen Stuhl vor einem Gremium aus sechs Buchser Gemeinderäten, die die lokale Einbürgerungskommission bilden.

"Bitte stellen Sie sich vor."

– "Bin 24, arbeite als Bauzeichnerin hier in Aarau, habe dort auch die Lehre gemacht. Bin seit Kurzem verlobt. Wohne noch bei den Eltern. Meine Hobbys sind mit Hunden laufen gehen und bin gerne draußen in der Natur."

Die Protokollführerin notiert: "Die Kandidatin spricht sehr gut Deutsch." Gut für ihr Anliegen. Yilmaz möchte Schweizerin werden. Genau genommen hat ihr Verlobter sie darum gebeten, damit sie auch bei Referenden mitmachen kann. Deshalb sitzt sie jetzt hier. Und eigentlich sollte das ein Routinetermin sein.

Denn Yilmaz ist ein Paradebeispiel für eine integrierte Migrantin. Sie ist in der Schweiz geboren, seit 18 Jahren wohnt sie in dem kleinen Ort Buchs nahe Aarau. Sie ging hier zur Schule, machte hier die Lehre, arbeitet hier. Sie ist mit einem Schweizer verlobt. Sie geht gern ins Pole-Fit und "in den Ausgang", wie man als guter Schweizer sagt, ins Kino Schloss oder einen trinken im Summertime am Ufer der Aare. Einige Wochen zuvor hat sie ihre Zulassung für die Matura, das Schweizer Abitur, bekommen. Sie möchte studieren.

Den Einbürgerungstest hat sie mit 100 Prozent bestanden. Null Fehler. Im letzten Schritt muss sie die lokale Einbürgerungskommission überzeugen.

Die Protokolle des Interviews wurden vor einigen Tagen veröffentlicht. Selten war behördliche Willkür besser dokumentiert.

"Was sind typische Schweizer Sportarten?"

– Ski, "aber das gibt es überall".

Was die Kommission hören wollte: Hornussen und Schwingen. Hosenlupf. Eine Schweizer Variante des Ringens. Chlauschlöpfen sprach Yilmaz falsch aus.

Und so geht das Interview weiter.

"Bachfischet, noch nie gehört?"

– "Nein, sagt mir nichts."

"Wenn Sie einem Besucher die Schweiz zeigen würden, wo würden Sie hin?"

– "Vierwaldstättersee"

"Was wäre denn da?"

– "Die Altstadt. Das Städtchen"

"Typisch für die Schweiz sind die Alpen. Was kennen Sie für Alpen?"

– "Mit den Namen habe ich es nicht so. Matterhorn …"

"Wo ist das?"

– "Weiß ich nicht auswendig. Zermatt. Engelberg …"

"Gibt es in Engelberg auch einen bestimmten Berg?"

– "Gibt es sicher. Kann mir die Namen aber nicht merken."

Dazu noch eine Reihe von Fragen zu Mülltrennung, außerdem: wo sie einkauft, was sie über Erdoğan denkt, ob Genf schöner ist als das Genferland.

Am Ende urteilt die Kommission: "Sie lebt in ihrer kleinen Welt und zeigt kein Interesse, sich mit der Schweiz und der Bevölkerung in der Schweiz auf einen Dialog einzulassen." Konkrete Gründe: Sie wisse nicht, wie man als Schweizer Altöl entsorgt, sie kauft nicht im Dorfladen ein, sie wandert nicht. Die 1.500 Franken für die Bearbeitung muss Yilmaz natürlich trotzdem zahlen.

Der Fall Yilmaz ist mittlerweile schweizweit bekannt, zwischen Häme und Empörung findet sich unter den Reaktionen alles. Selbst Rechtspopulisten der SVP haben bisweilen Probleme, das Vorgehen zu verteidigen, eindrucksvoll zu sehen in der Zürcher Lokaltalkshow TalkTäglich. 

"Die Fragen, die da gestellt wurden, sind dermaßen doof", sagt Philipp Müller, ein lokaler Ständerat der Schweizer Sonntagszeitung. "Willkürlich und unschweizerisch", kommentiert der Zürcher Tagesanzeiger.

Die Einbürgerungskommissionen, die in den Dörfern selbst gewählt werden, sorgen immer mal wieder für solche Vorfälle. Vergangenes Jahr war empfohlen worden, eine kosovarische Familie abzulehnen, die seit 2005 in Baselland lebt, Deutsch spricht, integriert ist und den Einbürgerungstest bestand. Dem Gremium gefiel nicht, dass sie in der Stadt Jogginghose tragen. Eine 42-jährige Niederländerin, die seit ihrem achten Lebensjahr in der Schweiz lebt, wurde abgelehnt, weil sie Veganerin ist und sich gegen Kuhglocken und Ferkelrennen engagierte. Ein in den USA geborener Professor der Eidgenössischen Hochschule in Zürich wurde abgelehnt, weil er keine Freunde im Dorf hat, nur im Nachbarort.

Yilmaz hat sich mit einem detaillierten Schreiben an die Öffentlichkeit gewandt und vor der Kommission Rekurs eingelegt. Sie sammelt Unterschriften. Diese Reaktion hat die Jury eines Schweizer Comedyfestivals überzeugt, Yilmaz schon mal einen Preis zu überreichen, die Arosa Humorschaufel. Der Festivaldirektor begründete das so: "Der Mut und die Kraft, bei allem Ärger den Humor nicht zu verlieren, verdienen es, ausgezeichnet zu werden."