Der Polizeigewahrsam für die Direktorin von Amnesty International in der Türkei und andere festgenommene Menschenrechtsaktivisten ist um eine weitere Woche verlängert worden. Wie Amnesty mitteilte, müssen İdil Eser, sieben weitere Menschenrechtler und zwei ausländische Ausbilder bis zum 19. Juli in Haft bleiben. Bei den Ausbildern handelt es sich um einen Deutschen und einen Schweden. Sie waren am 5. Juli auf einer Insel vor Istanbul festgenommen worden.

Die Aktivisten hatten laut Amnesty in einem Hotel auf Büyükada an einem Workshop zur IT-Sicherheit teilgenommen. Ihnen wird Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation vorgeworfen. Amnesty nennt die Vorwürfe unbegründet und fordert ihre sofortige Freilassung. Es sei unklar, welcher Terrororganisation sie angehören sollten, sagte der Amnesty-Experte Andrew Gardner.

Es bestehe nun die Gefahr, dass die Menschenrechtler in Untersuchungshaft genommen werden. Amnestys Europadirektor John Dalhuisen nannte ihre anhaltende Inhaftierung einen Beweis für "die skrupellose Behandlung" aller, die sich für Menschenrechte in der Türkei einsetzen.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte den Aktivisten am Samstag vorgeworfen, sie hätten mit ihrem Treffen auf Büyükada den Putschversuch vom 15. Juli 2016 fortführen wollen. Berichten zufolge hatte auf der Insel vor dem versuchten Militärputsch im vergangenen Jahr ein konspiratives Treffen stattgefunden. Der Amnesty-Experte Gardner nannte die Vorwürfe der Behörden "lächerlich".

Der Präsident des Menschenrechtsvereins (İHD), Öztürk Türkdoğan, beklagte eine Vorverurteilung der inhaftierten Aktivisten in der Presse. Die Art ihrer Festnahme, ihre Behandlung und die Berichte über sie würden gegen die Unschuldsvermutung verstoßen, sagte Türkdoğan bei einer Pressekonferenz in Istanbul laut der Zeitung Daily News.

Die Festnahme der Menschenrechtler stieß international auf Kritik. Auch die Bundesregierung setzte sich für ihre Freilassung ein. Anfang Juni war bereits der Amnesty-Vorsitzende in der Türkei, Taner Kılıç, festgenommen worden. Dem Anwalt wird Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung vorgeworfen, die für den Putschversuch verantwortlich gemacht wird.

Dieser jährt sich am Wochenende zum ersten Mal. In der Türkei wird es dazu zahlreiche Gedenkveranstaltungen geben. Präsident Erdoğan und Ministerpräsident Binali Yıldırım begannen das Gedenken mit dem Besuch eines "Märtyrerfriedhofs" im Istanbuler Stadtteil Edirne. Bis Sonntag sind im ganzen Land Veranstaltungen geplant. Zum Höhepunkt der Feierlichkeiten, einer Ansprache Erdoğans im Parlament in Ankara in der Nacht zum Sonntag, sind die größte Oppositionspartei CHP und die zweitgrößte Oppositionspartei HDP jedoch nicht eingeladen.

Zehntausende in Haft, Hunderttausend entlassen

Gegen Oppositionelle, Juristen, Journalisten und nun auch Menschenrechtsaktivisten geht Erdoğan seit einem Jahr vor: In Behörden wurden Mitarbeiter entlassen, Medienhäuser geschlossen und Oppositionelle inhaftiert. Insgesamt sitzen mehr als 50.000 Menschen in Haft, 100.000 wurden entlassen oder suspendiert. Darunter sind Hunderte kritische Journalisten und Wissenschaftler. Eine Vielzahl der Gefangenen wurde beschuldigt, Mitglied oder Unterstützer einer terroristischen Organisation zu sein. Viele von ihnen warten bis heute auf eine Anklage.

Für den Putschversuch macht Erdoğan den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen verantwortlich und fordert dessen Auslieferung in die Türkei.