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Die Polizisten kamen am frühen Morgen. In der Dämmerung. Während noch alles schlief.

In den ersten Stunden des 31. Oktober 2016 durchsuchten sie gleichzeitig die Häuser von 13 Journalisten. In einem Haus befand sich der Chefredakteur der Zeitung. In einem anderen der Vorstandsvorsitzende. In vier weiteren Kolumnisten, in dreien Anwälte, dann ein Korrespondent, ein Ombudsmann, der Redakteur der Buchbeilage, der Karikaturist, der Buchhalter …

Sie bildeten die Leitungsriege der Cumhuriyet, der ältesten und renommiertesten Zeitung der Türkei. Während sie sich bemühten, ihren erschreckt aus dem Schlaf gerissenen Kindern die Razzia zu erklären, mussten sie mit ansehen, wie Wohnungen und Archive durchsucht und Computer beschlagnahmt wurden. Zunächst brachte man sie auf die Polizeiwache, von dort zur Untersuchung in die Klinik und anschließend in das größte Gefängnis des Landes. Man steckte sie isoliert in Einzelhaft. Sie wussten nicht, was man ihnen zur Last legte. 151 Tage mussten sie in den Zellen ausharren, bis sie es erfuhren. Am 151. Tag lag endlich die Anklageschrift vor.

Die Anklage lautete: Unterstützung und Beihilfe für eine bewaffnete Terrororganisation.

Für welche Organisation? Für die PKK, mit der die Regierung drei Jahre zuvor Friedensverhandlungen geführt hatte, und zugleich für die Gülenisten, mit denen die Regierung zehn Jahre lang gemeinsam das Land regiert hatte.

Das Lustige daran: Sie selbst waren es gewesen, die die Regierung vor der Gefahr durch die Gülen-Bewegung gewarnt hatten. Jetzt wurden sie bezichtigt, Gülenisten zu sein.

Die Beweise? Sie hatten Meldungen gebracht und Interviews geführt, die der Regierung missfielen, bedenkliche Schlagzeilen formuliert, Tweets und oppositionelle Kommentare geschrieben. Sie sollten also wegen Ausübung ihrer journalistischen Arbeit angeklagt werden.

Der ehemalige Chefredakteur der Zeitung, also ich, war Angeklagter Nummer eins. Man warf mir vor, ich hätte die Publikationspolitik der Zeitung verändert.

"Was geht dich das an?"

Meine erste Reaktion darauf lautete: "Was geht dich das an?" Ist doch so, seit wann bestimmen Staatsanwälte die Publikationspolitik einer Zeitung?

Wir kennen die Antwort: Seit der Staatspräsident in seiner Gier, die Macht vollkommen an sich zu reißen, (auch) die Medien unter seine Kontrolle gebracht hat.

Mit der Behauptung, hinter dem Umsturzversuch vom 15. Juli vergangenen Jahres stecke sein Ex-Partner Gülen, leitete Erdoğan eine gewaltige Säuberungskampagne ein. Während er nun die einst eigenhändig von ihm in der Verwaltung installierten Funktionäre aussortierte, sagte er: "Das ist ein Gottesgeschenk", und beschloss, sich kurzerhand all seiner Gegner gleich mit zu entledigen. Am 20. Juli verhängte er den Ausnahmezustand, bekam dadurch die gesamte Macht in die Hand und machte diesen De-facto-Zustand mit einem nachgerade unter Kriegsrechtsbedingungen durchgeführten Volksentscheid zum Gesetz. Obwohl die Hälfte der Bevölkerung dagegen gestimmt hatte.

Die Türkei hatte den Umsturzversuch vom 15. Juli vereitelt, war aber Erdoğans Putsch vom 20. Juli erlegen. Nun sieht sie sich zwar keinem Militärregime gegenüber, aber einem Polizeistaat.

Nach dem Putsch vom 20. Juli erhöhte sich die Zahl der inhaftierten Journalisten von 30 auf 120. Als noch die Cumhuriyet-Riege hinzukam, erhielt die Türkei den Titel "größtes Journalistengefängnis der Welt".

Mit der Verfassungsänderung machte Erdoğan sich zum Alleinherrscher, nun war er in der Lage, über Regierung, Parlament und Justiz zu bestimmen, und hatte sich auch des Mechanismus für die Einsetzung von Richtern und Staatsanwälten bemächtigt. Aus diesem Grund wurde keinem einzigen Antrag auf Freilassung inhaftierter Journalisten stattgegeben. Es gibt auch keine Medien mehr, die das hätten kritisieren können. Denn jeder Journalist hinter Gittern ist eine Geisel, die andere einschüchtern und zum Schweigen bringen soll. Dieser Weg wurde auch beschritten, um die Cumhuriyet, eine der letzten Bastionen der Pressefreiheit, zum Schweigen zu bringen. Zuletzt wurde sogar der Kantinenwirt der Zeitung verhaftet. Sein Verbrechen war es, gesagt zu haben: "Wenn Erdoğan herkommt, serviere ich ihm keinen Tee." Das hatte der bei der Zeitung postierte Polizist gehört und seinen Vorgesetzten gemeldet, am nächsten Morgen wurde unser Kantinenwirt wegen "Beleidigung des Staatspräsidenten" festgenommen.

Die erste Verhandlung im Cumhuriyet-Prozess ist auf diesen Montag, 24. Juli, anberaumt. Die gesamte Führungsriege einer Zeitung steht dann zum ersten Mal nach 267 Tagen Haft vor einem Richter. Sie werden nicht bloß sich selbst verteidigen, sondern zugleich ihre Zeitung, die freie Presse und die Demokratie, die in den Händen eines Despoten mit dem Tode ringt.

Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, gewiss aber Ironie:

Der 24. Juli, der Jahrestag der Abschaffung der Zensur in der Türkei 1908, wird im Land seit einem halben Jahrhundert als Tag der Pressefreiheit gefeiert. Dieses Jahr feiern wir den Tag der Pressefreiheit im Gefängnis, vor Gericht und im Exil als Tag des Kampfes für die Pressefreiheit.

Dazu sind all unsere Kollegen herzlich eingeladen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe